Vom Piano zum Clavichord: Kammermusik im Bürgertum

Mit den einschneidenden Änderungen im Leben der Menschen änderte sich im 18. Jahrhundert auch ihre Einstellung zur Musik. Vorher wurde zwar in der Kirche, auf Festen oder bei Repräsentationsveranstaltungen des Fürsten musiziert, jedoch selten im Privaten. Aus der einfachen Hausmusik in bürgerlichen Haushalten entstand gediegene „Kammermusik“ mit kleiner Instrumentalbesetzung in den Salons.

Adolph Menzel: "Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci"
Adolph Menzel: „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“

Dabei leitet sich der Begriff her von „musica da camera“ – im Mittelalter alle für die höfische „Kammer“ bestimmten, weltlichen Musik-Arten. Es waren nicht mehr nur die Fürsten, die in den Genuss von schön komponierter Musik kamen. 

Damit die Bürger selbst musizieren konnten, brauchten sie einfache Kompositionen, von denen das Lied am beliebtesten war. Es beinhaltete aus dem Leben gegriffene, gesungene Texte ohne großen Anspruch, damit – so J.A.P. Schulz im Vorwort zu einer der massenhaft gedruckten Liedersammlungen – „auch ungeübte Liebhaber des Gesanges, sobald es ihnen nicht ganz und gar an Stimme fehlt, solche leicht nachsingen und auswendig behalten können“.

Georg Philipp Telemann: ein Unternehmer im Musiksektor

Zu dieser Entwicklung trug auch der wirtschaftliche Erfolg Einzelner bei. Mäzene kamen nicht mehr nur aus der Oberschicht, sondern oft aus dem Bürgertum. Und Spielvorlagen wurden professionell vermarktet. Auf diesem Gebiet war Georg Philipp Telemann (1681-1767) besonders fleißig: Er wirkte nicht nur als einer der europaweit bekanntesten Musiker seiner Zeit mit einem vielseitigen und umfangreichen Fundus an Kompositionen aus Spätbarock bis Frühklassik – darunter allein 50 Opern, 1400 Kirchenkantaten, 1000 Orchestersuiten und 100 Solokonzerten – sondern auch als Unternehmer im Musiksektor. Er veranstaltete öffentliche Konzerte – ein Novum! –, ließ seine Musikdrucke vervielfältigen und beanspruchte als Erster das musikalische Urheberrecht. Die Kompositionen erschienen einzeln oder in Fortsetzungszeitschriften wie „Der getreue Music-Meister“.

Öffentliche Konzerte statt Musik am Hofe

Nach und nach öffnete sich auch das ständisch geschichtete Musikleben einem größeren, öffentlichen Publikum. Diese „Demokratisierung“ fand zunächst in Gasthäusern statt, wo die Musik der Unterhaltung beim Diner galt. Mit der Zeit entstanden in studentischen Kreisen Vereine und „Sozietäten“, die sich der Veranstaltung von Aufführungen verschrieben, in denen Dilettanten mit Berufsmusikern zusammenspielten. Somit war der Weg frei für größere, öffentliche

Johann Voorhout: "Häusliche Musikszene", 1674
Johann Voorhout: „Häusliche Musikszene“, 1674

Konzerte für Musikliebhaber aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.

Auch das Instrumentarium wurde grundlegend umgestellt und an neue Bedürfnisse angepasst. In der zweiten Jahrhunderthälfte löste das elegante Hammerklavier (Pianoforte) das dominante Cembalo ab, und Streichquartette (z. B. mit Violinen, Bratsche, Cello) entwickelten sich – vor allem dank Josef Haydn – zur führenden Gattung innerhalb der Kammermusik. In Bürgerkreisen wurde das praktisch tragbare Clavichord sehr beliebt. Was den großen Konzertsälen das stattliche Pianoforte, war dem häuslichen Musikzimmer dieses kleinste aller Klaviertypen. Neue ausdrucksfähige Instrumente, die für die Hausmusik geeignet waren, lösten alte schwerfällige ab – der musikliebende bürgerliche Dilettant bevorzugte leicht zu beherrschende Instrumente.

Vom Taugenichts zum Genius: Künstler erwachen

Die Bildenden Künste des 18. Jahrhunderts waren hauptsächlich vom Barock geprägt. Man unterscheidet zwischen Hochbarock (bis 1720) und Spätbarock oder Rokoko (bis 1770). Zwar gab es keine eigentliche aufklärerische Kunsttradition, das barocke Prunkhafte, das Galant-Gekünstelte des Rokoko und des Muschelstils nach Geschmack von Ludwig XV. wurde in Deutschland bald abgelehnt.

Hochzeit im Rokoko
Hochzeit im Rokoko

Der Rokoko-Stil mit seinen „frivolen Reizen“ wurde als privater Luxus angesehen und wich in der Mitte des 18. Jahrhunderts dem Ideal einer rationalen Schönheit, die ein breites Publikum erreicht, einerseits, und einem strengeren, bildhaften Klassizismus andererseits.

Die klassizistischen Formen zeigten sich besonders deutlich in neuen architektonischen Ideen von Stadtplanern und Baukünstlern. Der Architekt Friedrich Weinbrenner entwarf 1797 einen Umbauplan für Karlsruhe, der sich nicht mehr am fürstlichen Schloss orientierte. Der barocke Stil sollte beibehalten werden, Klarheit und Licht, Maß und Linie sollten die Kaiserstraße jedoch – im Sinne der Aufklärung – „vernünftiger“ strukturieren. 

Künstlerisches Selbstbewusstsein

Der Beruf des Künstlers wandelte sich allmählich: Der „Genius“ gewann an Selbstwertgefühl und war überzeugt von der großen Bedeutung seiner Kunst für die Gesellschaft. Diese Entwicklung wurde auch durch wichtige kunsttheoretische Schriften begünstigt: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der modernen Kunstwissenschaft, veröffentlichte 1764 die „Geschichte der Kunst des Altertums“ und 1765 „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“.

Der Künstler emanzipierte sich in seiner Berufsauffassung – weg von Aufträgen für hohe Herrschaften hin zum freien, selbstbestimmten Produzieren für den Kunstmarkt. Gleichzeitig änderten sich die Themen: An die Stelle von religiösen und mythologischen Motiven, Allegorien und Oberschicht-Porträts traten Abbildungen des alltäglichen Lebens und der harten Arbeitswelt in der aufkommenden Industriegesellschaft. Die Kehrseite der Medaille war das Risiko, keine Aufträge zu ergattern – so festigte sich das romantische Bild des verarmten Künstlers.

Die Kultur insgesamt wurde in jener Zeit „bürgerlich“, Geistlichkeit und Adel büßten an Einfluss ein. Herrscher mit aufgeklärter Gesinnung sahen diese Entwicklung nicht als negativ an und erkannten die Zeichen der Zeit: Erste Museen wurden gegründet, Privatsammlungen standen auch Besuchern der unterprivilegierten Schichten offen. Das Kasseler Fridericianum wurde 1769  als eines der ersten öffentlichen Museen in Europa vom hessischen Landgrafen gegründet. Es beherbergte antike Statuen, Kunstgegenstände sowie  die fürstliche Bibliothek und ist noch heute weltberühmt – als Mittelpunkt der alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellungsreihe documenta.

Vom Atelier auf die Porzellanvase: Frühes Merchandising

Porzellan-Service von Angelika Kauffmann
Porzellan-Service von Angelika Kauffmann

Im Jahr 1792 wurde auch das Pariser Louvre-Museum eröffnet. Zudem wuchs die Anzahl der Kunstakademien beständig: Um 1720 gab es in Europa lediglich 19 Institutionen, 1790 schon 100. Die 1768 gegründete Royal Academy of London wurde nicht nur von Künstlern, sondern gleichermaßen von Industriellen und Geschäftsleuten getragen.

Der Kunstmarkt fand seine Käuferschaft zunehmend in bürgerlichen Kreisen. Es gehörte zum eleganten Interieur, die Wände mit Kopien bekannter Gemälde zu zieren. Geschickt vermarktete die schweizerische Malerin Angelika Kauffmann ihre Kunst: Sie ließ ihre Bilder in Kupfer stechen und auf Gebrauchsgegenstände wie Fächer, Möbel, Vasen, Tabakdosen oder Porzellan reproduzieren. Diese Art der künstlerischen Arbeit war sehr lukrativ und brachte Kauffmann Millionen ein. Sie wurde 1807 mit großem Pomp in Rom begraben.

Bibliografie zur Frühen Neuzeit und zu Maria Sibylla Merian

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Maria Sibylla Merian in der Frühen Neuzeit

In meiner Bildbiographie „Maria Sibylla Merian. Reise nach Surinam“ stelle ich eine außergewöhnliche Künstlerin und eine der ersten Entdeckerinnen vor. Recherchen führten mich dabei durch die Frühe Neuzeit und das beginnende 18. Jahrhundert. Der Alltag und die Lebensweise der Menschen interessieren mich ebenso wie die damaligen Ansichten und Kuriositäten.

Maria Sibylla Merian. Reise nach Surinam
Bildbiografie über Maria Sibylla Merian, Autorin: Kathrin Schubert

Seitdem reise ich durch die Epoche und fülle den Blog mit unterhaltsamen Anekdoten. Die Geschichte des Reisens und die Entdeckung der „Neuen Welt“ mit ihren Geheimnissen und Abenteuern, geniale Entdeckungen der Zeit, den verspielten Rokoko, Geheimbünde, oder die Freundschaft Friedrichs des Großen mit dem Philosophen Voltaire nehme ich „unter die Feder“. Auch Entwicklungen auf den Gebieten Theater, Oper, Musik, Literatur, Kunst und Mode kommen nicht zu kurz.

Mein weiser Begleiter bei den Recherchen war Johann Georg Krünitz. In seiner „Oeconomischen Encyclopädie“ fasste er das Wissen seiner Zeit zusammen. Krünitz‘ Werk wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft digitalisiert und von der Universität Trier betreut, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön aus München! Auch Johann Heinrich Zedlers „Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden…“ stellt eine unerschöpfliche Wissensquelle dar.

Aus Sicht des 21. Jahrhunderts kann man über viele Artikel schmunzeln, da sie mangels besseren Wissens auf Hörensagen und Aberglaube beruhten. Doch unseren heutigen Wissensschatz verdanken wir unzähligen neugierigen Forschern in Bereichen wie Natur-, Kultur und Geschichtswissenschaften. Entdecken Sie mit mir die Frühe Neuzeit und die Epoche der Aufklärung in all ihren Facetten! Für weitere Recherchen finden Sie hier auch meine Bibliografie. Viel Spaß beim Lesen! Ich freue mich über jedes Feedback, Gastbeiträge und Quellenhinweise für relevante Themen.

Die Freimaurer: Eine „Gesellschaft mystischer Philosophen“?

Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit.

Die Freimaurerei versteht sich als ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führe. Die fünf Grundideale der Gruppe – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – sollen durch die praktische Einübung im Alltag gelebt werden. Krünitz sprach damals von einer „Gesellschaft mystischer Philosophen“, die propagierten, „daß nur die Moral wahre Wissenschaft, und wahre Tugend nur die gesellige sey.“

Freimaurer-Ritual
Initiation eines „Suchenden“, Kupferstich, Frankreich, 1745

Wie in Handwerkerzünften durchliefen Mitglieder des Männerbundes die Grade Lehrling, Geselle und Meister. Versammlungen der „Brüder“ bestanden aus einer gemeinsamen Mahlzeit, einem Vortrag mit anschließender Diskussion und einer Kollekte: Netzwerken und Coaching in der Frühen Neuzeit! Menschen aller sozialer Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen wurden aufgenommen, um am Aufschwung der Gelehrsamkeit und Wissenschaften im Sinne der Aufklärung teilzuhaben. Im Gegensatz zu anderen Geheimgesellschaften warben die – eigentlich gar nicht so geheimen – Logen nicht um Mitglieder; was wirklich zählte, war Eigenmotivation. Über die Aufnahme entschied die „Kugelung“, eine geheime Abstimmung mit weißen und schwarzen Kugeln. 

Prominente aus Politik und Kultur in deutschen Logen

Im Jahr 1723 wurde die Konstitution der ersten Großloge in England veröffentlicht. 27000 Mitglieder in 450 Logen verzeichnete die Gesellschaft im Zeitraum von 1737 bis 1789 in ganz Europa, bis hin in französische und spanische Kolonien. In Deutschland entstanden insgesamt acht anerkannte Freimaurer-Großlogen. Prominente aus Kunst und Literatur wie Mozart, Goethe, von Dalberg, Lessing und die französischen Enzyklopädisten waren den Freimaurern angetan. Zu den prominentesten „Brüdern“ zählten große Staatsmänner wie Gustav III., die Brüder Ludwigs XVI. oder Kaiser Franz I. Friedrich der Große trat schon als Kronprinz von Preußen bei, durchlief wie alle anderen die Ausbildungsstufen – und übernahm 1738 die Großmeisterwürde der Berliner Loge „Zu den drei Weltkugeln“. Friedrich war bereits König von Preußen, als sein Schwager, Markgraf Friedrich von Brandenburg-Bayreuth, 1741 in seiner Residenz die Schlossloge „Zur Sonne“ gründete, die 1744 in „Große Mutterloge“ umbenannt wurde. Im Rahmen der Kaiserkrönung Karls VII. entstand in Frankfurt die städtische Loge „Zur Einigkeit“.

Das Freimaurertum gab sich betont humanistisch und aufklärerisch, war aber für Außenstehende undurchschaubar. Ausgewählte, der Verschwiegenheit verpflichtete Mitglieder bewahrten esoterische Geheimnisse und pflegten das Arkanprinzip: Kultbräuche und Rituale fanden hinter verschlossenen Türen statt. Die meisten Logen unterlagen außerdem der „Strikten Observanz“, einem hierarchischem System, das angeblich vom untergegangenen Templerorden abstammte.

Abenteurerei und Mozarts Zauberflötenverrat

Wolfgang Amadeus Mozart, Barbara Krafft 1819
Wolfgang Amadeus Mozart, von Barbara Krafft 1819

Da den Freimaurern Spekulantentum, Abenteurerei, Geisterbeschwörungen und Alchemie nachgesagt wurden, waren sie der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Sowohl der von Papst Clemens XII. 1738 verordnete Bannfluch als auch die 1751 von Papst Benedikt XIV. erlassene Anti-Freimaurer-Bulle wurden lange ignoriert, sodass schließlich die Inquisition eingriff. Freimaurer-Aktivitäten wurden verboten, Katholiken wurde unter Androhung der Exkommunikation der Kontakt zu den Logen untersagt. Da Friedrich der Große selbst einer Loge vorstand, wurden die Freimaurer in Deutschland jedoch toleriert.

Auch in Österreich herrschte reges Interesse an der Vereinigung. Mozart war überzeugtes Mitglied und schrieb mit der „Zauberflöte“ eine Ode an die Freimaurerei. Nach seinem mysteriösen Tod im Jahr 1791 hielt sich lange Zeit das Gerücht, „Brüder“ hätten Mozart in Wien umgebracht, weil er angeblich Geheimnisse preisgegeben hatte: Eine Akkordfolge in der Oper gab die charakteristischen Hammerschläge der Wiener Loge „Zur Wohltätigkeit“ wieder. Für wahrscheinlicher halten Forscher heute jedoch, dass der erst 35-Jährige an einer damals in Wien grassierenden Angina starb.

Der Bund ist kein Phänomen der Frühen Neuzeit. Die „Brüder“ sind noch heute in Logen organisiert. Die Freimaurerei trägt viele Namen, darunter freemasonry im englischen Sprachbereich, francmasonería in Spanien und Südamerika oder franc-maçonnerie in Frankreich. Es werden weltweit ca. fünf Millionen Mitglieder gezählt. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland zählen hierzulande etwa 470 Freimaurerlogen mit insgesamt 14000 Mitgliedern. Sie richten sich nach eigenen Angaben an „freie Männer von gutem Ruf“, „die nicht bleiben wollen, wie sie sind, sondern ein Interesse an Persönlichkeitsentwicklung haben“. Beim Training schöpfen sie aus einem „reichhaltigen historischen Brauchtum.“

Was verband Voltaire und Friedrich den Großen?

Potsdam zwischen Kunst und Krieg

Ein eigenartiges Gespann oder „eine wunderbare Freundschaft“? Über 800 Briefe aus 42 Jahren dokumentieren die  intensive Korrespondenz zwischen Frankreichs berühmtem Philosophen Voltaire und Preußens bedeutendem König Friedrich II. – und sie begegneten sich auch oft persönlich.

Gemälde Tafelrunde Friedrich der Grosse von Adolph Menzel
Tafelrunde Friedrichs d. Gr. von Adolph Menzel 1850

Im Jahr 1740 nahm Voltaire eine Einladung des Kronprinzen an und stattete ihm einen zweiwöchigen Besuch auf Schloss Rheinsberg ab. Kurz danach verstarb Friedrichs Vater, der auf alles Militärische fixierte „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., und aus dem Kronprinz wurde der König Preußens. Zehn Jahre später lud der Regent Voltaire nach Potsdam ein und ernannte ihn zum Kammerherrn des 1747 vollendeten Schlosses Sanssouci.

Der 58-jährige Philosoph blieb zwei Jahre. Er wollte den 17 Jahre jüngeren Freund für seine Ideen von Freiheit und Toleranz gewinnen, lehrte ihn in der königlichen Bibliothek Rhetorik, Dichtkunst und Philosophie. Friedrich II. umgab sich in Potsdam mit mehreren französischen Gelehrten und war einer der meistpublizierten Autoren seiner Zeit. In seinem Werk „Antimachiavell“ erklärte er seine humanistischen Ideen einer breiteren Öffentlichkeit. 

Die aufklärerischen Maßnahmen führten zu Vorteilen für seine Untertanen, die ihn fast liebevoll „Alter Fritz“ nannten: Abschaffung der Folter, Aufhebung der Zensur, Senkung von Getreidepreisen und Reformation der Justiz. Zum Alltag seiner Politik gehörten jedoch vor allem zahlreiche Kriege und politische Intrigen.

Schöngeistiger Kriegsherr und Philosophenkönig

Voltaire propagierte einen „aufgeklärten Absolutismus“ und sah in Friedrich einen „guten König“. In Kriegszeiten griff er die preußischen Territorialbestrebungen jedoch scharf an. Im Februar 1747, inmitten der Schlesischen Kriege, bezeichnete der Dichter den König ironisch als „Philosophenfürst, der sich seine Zeit einteilt, um Schlachten zu liefern und Opern zu geben, der sich auf den Krieg, den Frieden und auf Dichtung und Musik versteht, der Missbräuche in der Justiz beseitigt und zu alledem der herausragendste Schöngeist Europas ist.“

Entsetzt schrieb er auch: „Werden Sie denn niemals aufhören, Sie und Ihre Amtsbrüder, die Könige, diese Erde zu verwüsten, die Sie, sagen Sie, so gerne glücklich machen wollen.“ Der König befand sich zur selben Zeit auf dem Schlachtfeld. Er galt als „roi charmant“, da er nicht vom Schreibtisch aus Schlachten dirigierte, sondern Kriegshandlungen vor Ort beeinflusste.

Voltaire und Friedrich der Grosse
Georg Schöbel, um 1900: Friedrich d. Gr. und Voltaire

Zierde der Literatur und Ehre des Menschengeistes

Der ehrgeizige Dichter strebte nach mehr Einfluss, spann Intrigen, um dem Präsidenten der neu gegründeten Akademie der Wissenschaften seinen Posten streitig zu machen. Friedrich II. sprach wütend von einer „Unverfrorenheit“, ließ sogar ein Buch Voltaires öffentlich verbrennen. Vorbei die Zeit, als er den Dichter als „die Zierde der Literatur und die Ehre des Menschengeistes“ pries. Voltaire reiste im März 1753 überstürzt ab, unter dem Vorwand, er wolle zur Kur fahren. In Frankfurt am Main ließ der König ihn gar verhaften, weil er einen Gedichtband zurückverlangte, den er seinem ehemaligen Vorbild selbst geschenkt hatte.

Bereits ein Jahr nach dem Eklat begannen die beiden aber wieder eine ausführliche, schmeichelhafte Korrespondenz – offensichtlich schätzten sie sich gegenseitig, brauchten aber die Distanz. Mal ging es um Alltägliches, dann um grundlegende Ideen über gerechte Kriege, über Toleranz und Vernunft. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) nannte Voltaire seinen einstigen Freund zornig „Marquis de Brandenbourg“, nach dem Frieden von Hubertusburg am 15. Februar 1763 glätteten sich die Wogen wieder. Voltaire schrieb „Sie vergaßen, dass ich ein Mensch war.“ und Friedrich antwortete „Hätten Sie mir das (…) vor zehn Jahren gesagt, so wären Sie noch hier.“

An Voltaires zweitem Todestag 1780 ließ der „Alte Fritz“ ein feierliches Totenamt für sein großes Vorbild halten. Mit 700 Einzelschriften hinterließ Voltaire seiner Nachwelt eines der umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte. Dass er noch bis zu seinem Tod am 17. August 1786 arbeitete, zeigt sein Sterbeort: Er schlief im Schloss Sanssouci auf seinem Sessel ein.

Maria Sibylla Merian: Pionierin in Kunst und Wissenschaft

Wie kamen die Schmetterlinge zur Kupferstecherin?

Die begabte Malerin und Kupferstecherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) hatte schon als Kind die Metamorphose von Schmetterlingen beobachtet und gemalt. Das Thema begleitete sie ihr ganzes Leben, und 1699 nahm sie im Alter von 52 Jahren nur in Begleitung ihrer Tochter eine anstrengende Überseefahrt nach Surinam auf sich, um tropische Insekten zu erforschen.

Dabei waren schon Fahrten in der Postkutsche innerhalb Europas eine Tortur! Und ganz ungefährlich war das Erforschen von Insekten für Frauen in einer abergläubischen Zeit mit Hexenverfolgungen nicht. Die seriöse Naturforschung steckte damals noch in ihren Kinderschuhen.

Aristoteles hatte eine bequeme Theorie entwickelt, die lange vorherrschte: Insekten entstehen aus Schlamm. Manche Zeitgenossen behaupteten gar, Schmetterlinge seien verzauberte Hexen.

Von Merians Reise existieren nur wenige Beweise, darunter ein Eintrag auf der Passagierliste des riesigen Segelschiffes. Während ihrer Zeit in Surinam hat sie in kurzen Texten die Pflanzen und Schmetterlingsarten beschrieben. Man muss zwischen den Zeilen lesen, um kulturhistorische Details zu erfahren, z. B. über Bräuche der indigenen Bevölkerung und die Kolonialpolitik der Niederlande.

Maria Sibylla Merian. Reise nach Surinam
Bildbiografie über Maria Sibylla Merian, Autorin: Kathrin Schubert

Kathrin Schubert: Maria Sibylla Merian. Reise nach Surinam, Frederking & Thaler / GEO 2010, ISBN 3894057726 „[…] Das Leben dieser 1647 in Frankfurt am Main geborenen Forscherin und Künstlerin in ihrem zeitgeschichtlichen Umfeld auf besonders anschauliche Weise darzustellen, ist das Verdienst von Kathrin Schuberts Band „Reise nach Surinam“. […] Rezension in der Süddeutschen Zeitung (23.09.2010)

„Auf den Spuren einer Frau, Künstlerin und Entdeckerin: 1699 begab sich Maria Sibylla Merian auf eine Forschungsreise nach Surinam. Aktuelle Fotos kombiniert mit Tagebuchauszügen, Karten und den Aquarellen Merians lassen diese aufregende Reise wieder lebendig werden. Begleiten Sie die zielstrebige Wissenschaftlerin und Künstlerin, die bis heute fasziniert.“ GeraNova Bruckmann

Über die Autorin: Die Wortjongleurin Kathrin Schubert M.A. hat Romanistik, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft studiert und arbeitet seit 10 Jahren als Übersetzerin, Autorin und Lektorin in München. Die „Wortjongleurin“ pflegt diesen Blog aus Interesse. Kommentare und Gastbeiträge sind herzlich willkommen!