Blogger schenken Lesefreude

Zum Welttag des Buches nehme ich an der Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ teil – mit meinen Blogs diewortjongleurin.wordpress.com und seotexterin-muenchen.de.

Als Autorin habe ich zwei eigene Bücher verlost und gratuliere den Gewinnern per Mail.

Wenn Einer eine Reise tut…

„Der Weg ist das Ziel“, sagen Reisende heute gern, die sich in ihre ICE-Komfortsessel fallen lassen und ihr Gepäck sicher einschließen. Mit „Eisenbahn“ war Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch ein eiserner Fahrweg gemeint, auf dem jahrzehntelang die „Pferdebahn“ gezogen wurde. Erst 1831 wurde die erste Bahnlinie mit Dampfbetrieb auf dem europäischen Kontinent eingeweiht: die Bahnstrecke Saint-Étienne-Lyon in Frankreich.

Reise_„Die erste Eisenbahn (Linz-Budweis) auf dem Kontinent, gezeichnet von A. Krúzner“, Bild der Pferdeeisenbahn Linz-Budweis
Die erste Pferdeeisenbahn (Linz-Budweis) in Europa; gez. von A. Krúzner“

Für Reisende in der Frühen Neuzeit war das Vorankommen in Postkutschen, auf unbefestigten Fahrstraßen, Reitwegen und Fußsteigen, zeitaufwändig und anstrengend. Sechs bis acht Personen saßen dicht an dicht. Sie durften jeweils nur einen Reisesack mit Wäschestücken umsonst mitnehmen, das „Felleisen“. Dabei war die Fahrt an sich nicht billig: Man zahlte einen Gulden pro Postmeile (ca. 7,5 Kilometer), für einfache Bürger ein kleines Vermögen. Zudem rechneten Postillione oft willkürlich ab.

Als vorrangiger Zweck einer freiwilligen Reise galt die Festigung des Charakters sowie die sorgfältige Erkundung von „Schönheiten und Merkwürdigkeiten“. Die „Reiseklugheit“ gewinne man durch ein vorsichtiges Benehmen gegenüber seinen Gastgebern an den unterschiedlichen Orten und einer „geschickten Anwendung der erlangten Kenntnisse, wenn man wieder zu Hause ist.“ Dies galt insbesondere für die Kavalierreise oder „Grand Tour“ durch Mitteleuropa, Italien und Spanien. Sie galt als obligatorische Reise von europäischen Adelssprossen, später auch von jungen Männern des gehobenen Bürgertums.

Überfall auf Postkutsche
Überfall auf eine Postkutsche

Postkutschen eroberten ab Mitte des 17. Jahrhunderts ganz Europa. Sie wurden für kurze Strecken sogar in Amerika, Indien und im Vorderen Orient eingesetzt. Die Spitznamen „Ackerkarren“ oder „Knochenknacker“ beschrieben den „Komfort“: Postkutschen ähnelten um 1800 alten Rollwagen, besaßen oft weder Türen noch Fenster. Und man kam nicht schnell voran. Während ein Wanderer 25 bis 40 Kilometer an einem Tag zurücklegen konnte, schaffte die Postkutsche nur ca. 37 Kilometer.

Bei Reisebekanntschaften war Vorsicht geboten, die Angst fuhr mit. Nicht umsonst lautete ein populäres Sprichwort: „Fern von Haus ist nahe bei Schaden.“ Man stieg nur bei einer zwingenden Notwendigkeit in das rumpelnde Gefährt, z. B. für Geschäftsreisen. Zeitgenössische Reiseliteratur riet gar zur Mitnahme einer Pistole und zu grundsätzlichem Misstrauen gegenüber Fremden. Besonders gefürchtet waren große Banden, die gezielt Kutschen überfielen.

Unbekannten oder Fußgängern die man unterwegs antrifft, auf seinem Wagen, aus unvorsichtiger Gutmütigkeit, einen Platz einzuräumen, ist das beste Mittel, beraubt oder ermordet zu werden.

Unterwegs im Knochenknacker auf Höllenpfaden

Feste Dienstfahrpläne gab es nicht, die erschöpften Pferde mussten an Wechselstationen ausgetauscht werden, wodurch lange Wartezeiten entstanden. Außerdem stellten Zollbeamte sämtlicher Fürsten-, Ritter- und Bistümer die Geduld der Passagiere auf die Probe. Die Grafschaften und Herzogtümer hatten verschiedene Wagenspuren, die beim Grenzübertritt durch den Austausch der Achsen vergrößert oder verkleinert werden mussten. Die Fahrgäste waren unerfahrenen Kutschern ausgeliefert, jeder Achsenbruch führte zur Katastrophe. Postillione orientierten sich mehr schlecht als recht an Meilenscheiben, ähnlich den heutigen Entfernungstabellen, an unpräzisen Landkarten und rudimentär ausgeschilderten Verkehrswegen.

Luxuriöse Kutschen wurden nur von Adligen und wohlhabenden Bürgern zur Selbstdarstellung genutzt. Die kleinen Schlösser auf Rädern konnten aber noch so schön von Kunstschreinern, Goldschmieden und Bortenmachern aus edlen Hölzern und Metallen angefertigt und mit Leder, Samt und Seide ausgekleidet worden sein – auch sie waren auf die von Schlaglöchern durchsetzten „Teufelswege“ und „Höllenpfade“ angewiesen. Es wurden sogar extra Diener engagiert, die vorliefen und vor Gefahren auf den miserablen Wegen warnten.

Schiffbare Flüsse und Ströme stellten willkommene, alternative Verkehrsadern dar. Schifffahrten waren nicht nur wesentlich günstiger und bequemer, sondern auch zuverlässiger. Hier musste man keinen Radbruch fürchten, sich nicht ins Ungewisse stürzen. Die Fahrgäste ließen sich treiben, z. B. stromabwärts auf Ober- und Niederrhein auf einem „Marktschiff“. Krünitz empfahl vor allem die „reizvolle Reise auf dem Rheine von Mannheim über Mainz, Koblenz, Köln und Düsseldorf“. Umständlich war allerdings das Treideln bei umgekehrten Flussläufen. Entlang der Ufer lagen Treidelpfade auf erhöhten Dämmen, Pferde- oder Ochsengespanne zogen die Boote stromaufwärts.

Für welches Transportmittel sich Reisende des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auch entschieden – sie mussten mit viel größeren Unwägbarkeiten, Umwegen und Gefahren rechnen als Touristen und Geschäftsreisende des 21. Jahrhunderts.

Skriblerwuth und Werther-Fieber in der Aufklärungsepoche

Das Lesen sah die Oberschicht lange als ihr Privileg an. Die Spätaufklärer bemühten sich zwar um eine allgemeine Lektüre-Fähigkeit im Sinne der Volksbelehrung, unterhalten durfte Literatur jedoch nicht. Allgemein zugängliche Schriftwerke sollten Anregungen zur Verbesserung von Sittlichkeit und Geschmack geben, doch die sogenannte „Modelektüre“ lehnten Kritiker aufgrund von fehlender Realistik ab. Es wurde insbesondere vor empfindsamen, wunderbaren, schauervollen Geschichten und Ritterromanen gewarnt.

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Vorlesung aus Goethes „Werther“, von Wilhelm Amberg, 1870

Diskussionen über das Risiko, bei „exzessivem Medienkonsum“ die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren, gibt es nicht erst seit der Verbreitung der Neuen Medien. Im Jahr 1774 brach nach dem Erscheinen von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ eine hitzige Debatte aus über die Gefährdung der Jugend durch „schöne Literatur“. Im allgemeinen „Werther-Fieber“ wurde der Rechtspraktikant Werther zur Kultfigur hochstilisiert, seine Kleidung – Weste, blauer Frack mit Messingknöpfen und runder Filzhut – kopiert. Es kam sogar vor, dass sich junge Leser das Leben nahmen – in Nachahmung des aufgrund einer unerfüllten Liebe unglücklichen Protagonisten. 

Weiterbilden statt Schmökern!

Gelehrte befürchteten, dass Bücher nur noch verschlungen, konsumiert, das Gelesene aber nicht mehr reflektiert würde. So verlöre Lesen den eigentlichen Sinn der Kultur- und Bildungsvermittlung und diene nur noch als trivialer Zeitvertreib. Es lenke die Leser ab von der ordentlichen Bewältigung ihres mühsamen, aber zur Sicherung der ökonomischen Existenz überlebenswichtigen Alltags.

Besonders „Frauenzimmer“ sah man gefährdet – sie sollten nicht lesen, sondern ihren häuslichen Pflichten nachgehen. Doch manche wagten sogar, selbstständig Texte zu verfassen oder zu übersetzen. Sie schrieben Romane, Dramen oder Reiseliteratur (z. B. Lady Montaigu), Benimmbücher, theologische Werke oder politische Traktate: Genres, die Gelehrte nicht als vollwertig ansahen.

Lektüre: Vom Gelehrtenprivileg zur Chance für Bildungshungrige

Was manche Spätaufklärer verkannten, waren die Vorteile der Literatur. Der Roman diente als Instrument, um neue Ideen unter gewöhnliche Leser zu bringen, um nützliche Informationen über eine fiktive Geschichte unterhaltsam zu vermitteln. Auch Handwerker und Gesellen interessierten sich zunehmend für das geschriebene Wort und eigneten sich auf diesem Weg theoretische Fachkenntnisse an. Produkte aus den Bereichen Literatur, Musik und Kunst waren Ende des 18. Jahrhunderts kein Vorrecht der Wohlhabenden mehr, denn Bücher und Zeitungen, Musiknoten oder Reproduktionen von Gemälden gehörten zum wachsenden Markt an Konsumgütern.

 es scheint aber, daß Leserey mehr auf bloß unterhaltende, Lectüre aber mehr auf nützliche Sachen seine Beziehung hat – Krünitz

Eine große Rolle spielte in diesem Zusammenhang auch das „Skriblerwuth“: Autoren erkannten ihr Marktpotential und reagierten auf die „Vielleserei“ mit „Vielschreiberei“. Die Nachfrage an populären Romanen konnten die Verleger zu jener Zeit kaum decken. Literatur wurde zum blühenden Geschäft, die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt verdoppelten ihre Ausstellungsflächen, und es erschien eine Flut von Neuerscheinungen: Waren es 1764 noch 5000, zählte man 1800 in Deutschland schon über 12000. In Frankreich und im britischen Nordamerika war die Entwicklung ähnlich, denn hier verdrängten die Landessprachen oft das traditionelle Latein.

Von Geldkatzen und Arbeitsbeuteln

Taschen werden heutzutage oft als Sammelobjekt für Frauen angesehen, die weniger nützlich als modisch sein müssen. Das Bayerische Nationalmuseum in München präsentierte in seiner Ausstellung „Taschen. Eine europäische Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert“ eine breite Palette von Modellen der letzten Jahrhunderte, die wichtigen Zwecken dienten.

In der Frühen Neuzeit waren Taschen gerade für Männer von großer Bedeutung. Krünitz zählt mehr als drei Dutzend Modelle auf, darunter die Tabakstasche, Wagentasche oder die Gaukeltasche für Taschenspieler. Kurfürst Maximilian I. von Bayern trug im Gelände eine kunstvoll bestickte Jägertasche am Gürtel. Brieftaschen boten Fächer „mit mehreren Tafeln Pergament zum Notiren verschiedener Gegenstände, die sowohl im Geschäftsleben, als auch auf Reisen etc. vorkommen“.

Da im Heiligen Römischen Reich jedes Territorium eigene Währungen, Münz- und Maßeinheiten besaß, fertigten Täschner spezielle Modelle für Kaufmänner an. Das Bayerische Nationalmuseum ist besonders stolz auf einen 400 Jahre alten, voluminösen Lederbeutel, der an Riemen oder Ketten um den Bauch gebunden wurde. Er ist ausgestattet mit mehreren Zugbeuteln für verschiedene Münzen.

Wer viel reiste, trug einen Geldstrumpf oder eine „Geldkatze“ dicht am Körper. Krünitz erklärte „Landleute, Schlächter und andre Leute, welche viel Geld auf Reisen bey sich führen müssen, schütten in dergleichen Beutel ihr Geld, und spannen ihn, wie einen Gürtel, um den Leib.“ Von Tirol bis in die Steiermark trugen insbesondere Bauern und Handwerker in den Jahren 1700 bis 1850 einen ledernen Ranzen, das „Reisebündel eines Wanderers zu Fuß“.

Doch nicht alle Taschen waren notwendig. Einem verführerischen Zweck dienten kleine Beutel mit duftendem Inhalt, die galante Männer ihren Verlobten als Liebesgabe schenkten. Fromme Kirchengänger trugen gerne samtene Gebetbuchtaschen an Posamentenkordeln in den Gottesdienst. Blumenkörbe, Rosen und Schleifen aus Seidentaft, Seidenklöppelspitze und -bändchen schmückten seit Ende des 17. Jahrhunderts sogenannte Arbeitsbeutel der Hausfrauen. Die flachen Zugtaschen aus Leinengewebe hielten Utensilien für Handarbeiten jederzeit bereit. Und im Rokoko verbargen Frauen aller Schichten ihre Habseligkeiten geschickt in flachen Beuteln unter den weiten Röcken.

In den höheren Schichten  avancierten Frauentaschen zu kostbaren Luxusgegenständen. Besonders raffiniert war die Sablétechnik: Winzige, sandkornkleine Glasperlen wurden auf hauchdünne Seidenfäden aufgefädelt und durch Fadenschlingen verbunden. Die Technik wurde auch für Parfumflakons, Bucheinbände oder Damenpantoffeln, für Börsen und Brieftaschen genutzt. 

Von „Frauenzimmern“ und Enzyklopädisten

Wie der Enzyklopädist Johann Georg Krünitz in der Frühen Neuzeit Frauen beschrieb und definierte, ist im Nachhinein amüsant zu lesen, daher führe ich hier viele Originalzitate an. Den Band 14 seiner insgesamt 242 Bände umfassenden Oeconomischen Encyclopädie publizierte er im Jahr 1778.  Er ging der Frage nach, „ob die Natur dem Frauenzimmer eben so viel Stärke des Leibes und der Seele ertheilt habe, als dem männlichen Geschlechte?“, und welche „Freyheit der Frauenzimmer in Ansehung der männlichen Gesellschaft“ zukommen solle.

„Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen“

Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern vertrat er relativ liberale Positionen. Er traute ihnen viel zu: „Man laße sie wie Männer arbeiten, und sie werden Stärke genug finden, die Herrschaft der Welt mit ihnen zu theilen.“ Fast gewinnt man den Eindruck, hier vertrete er moderne Ansichten und sei seiner Zeit weit voraus: „Dennoch sind sie eben so fähig, wie die Manns=Personen zu denken und zu handeln; aber sie müßten ihren gewöhnlichen leeren Beschäftigungen und Zeitvertreiben entsagen, ihren Verstand üben, und sich zu ernsthaften Arbeiten geschickt machen. Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen, in welchem man sie bisher eingeschlossen gehalten, und sich nicht vor dem Lächerlichen fürchten, womit sie neidische Frauen, oder Männer, welche ihre Verdienste nicht einsehen können, so gern demüthigen wollten.“

Frauen als „Zierde und Vergnügen der Gesellschaft“

Bei allem Respekt sollten Männer aber als „wahre unumschränkte Herren“ die Oberhand behalten, denn zum weiblichen Verstand könne „nichts Männliches und Großes Zugang erhalten, das viel Größe und Stärke des Geistes erfordert“. Die Rolle der Frau war also doch klar: „Sie nehmen also nur den zweyten Rang ein, und sind zufrieden, daß sie die Zierde und das Vergnügen der Gesellschaft ausmachen.“ Krünitz sorgte sich hingegen tatsächlich um die Zukunft der Männer. Er befürchtete, die „Leidenschaften der Mannspersonen“ seien „durch den Umgang mit dem Frauenzimmer ausgerottet oder wenigstens gemildert worden“, ihre „anderen Seelenkräfte“ seien durch den Umgang mit ihnen „zärtlicher, sanfter, und, mit Einem Worte, menschlicher geworden“. Würde „der männliche Character von seinem Eigenthümlichen nicht zu viel verlieren? Sollten große und wichtige Geschäfte durch die Begierde, so viel Zeit als möglich, bey der schönen Hälfte des menschlichen Geschlechts zu zubringen, nicht eine merkliche Vernachläßigung erleiden?“ Der Enzyklopädist scheute ein persönliches Fazit: „Ich getraue mir nicht, diese Fragen vollkommen zu entscheiden.“

Die Frauen „ziehen und regieren“

Im frühen 18. Jahrhundert spielten Frauen eine wichtige Rolle im Familienleben, es gab keine Trennung von Hausarbeit und Erwerbstätigkeit. Frauen kümmerten sich um ökonomische Belange und packten im Betrieb und auf Feldern als kompetente „Gehülfinnen“ mit an. Sie verkauften eigene Ware, zum Beispiel als Korsett-, Band- oder Handschuhmacherinnen. Nicht umsonst warben junge Handwerker um reiche Meistertöchter oder Witwen erfolgreicher Unternehmer. Man erwartete, dass die Handwerksfrau sich „in den Kram und in das Handwerk ihres Mannes zu schicken wisse, und entweder einiges mit arbeite, oder doch die Ware geschickt und mit Nutzen verkaufen lerne.“ Sie sollte „gelehrig, etwas gesprächig, klug und witzig“ sein, unterrichtet im Rechnen und Schreiben – und vermögend! – sein.“ Das Dilemma war hierbei, dass „die wenigsten Männer die seltene Klugheit besitzen, eine Frau erst zu ziehen, die sich nicht selbst zieht, und sie zu regieren, die sich nicht leicht will regieren laßen.“ Was also tun? „Wie ein Handwerksmann eine solche Frau klüglich erlangen könne, das ist noch ein schwerer Punct.“

„Die zweite Hälfte des Menschengeschlechts“

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts forderten Aufklärer in zahlreichen pädagogischen Schriften eine spezifische weibliche Ausbildung, die auf praktische Vernunft zielte und die Frau auf ihre Funktion als fürsorgliche Gattin und Mutter reduzierte. Sozialpolitiker behaupteten, Eigenschaften wie Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit, Einfühlsamkeit, Emotionalität und Sittsamkeit seien tief in der weiblichen Psyche verankert. Das Stichwort „Weib“ wurde 1856 von Carl Otto Hoffmann erarbeitet. Er reduzierte es auf die „zweite Hälfte des Menschengeschlechts, welches dazu bestimmt ist, durch das Gebären der Kinder nach erfolgter Zeugung durch die Begattung das Geschlecht der Menschen fortzupflanzen.“ Offensichtlich wird auch die Beschränkung auf Haus und Hof. „Weibliche Arbeiten“ umfasste als eigenständiger Eintrag Stricken, Nähen, Sticken, Tambouriren, Zuschneiden und Kleidermachen. Unter „Weiblichkeit“ findet man unter anderem die Definition „weibliche Schwachheit und Fehler“. Interessant ist auch der Begriff „Weiberlist: die dem weiblichen Geschlechte eigenthümliche Neigung zu einem listigen Verfahren und die Geschicklichkeit darin; sie ist begründet in der leichten Auffassungsgabe des weiblichen Geschlechts und wird befördert durch das Gefühl der Schwäche.“

„Du, glückliches Österreich, heirate!“ – Maria Theresias Einfluss in Europa

Maria Theresia von Österreich (1717-1780) war die einzige Frau, die jemals an der Spitze des Hauses Habsburg stand und zählt zu den einflussreichsten und bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte. Sie nahm den Titel ihres 1745 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönten Gatten Franz I. Stephan an. Obwohl sie nie gekrönt wurde, nannte man die Frau, die Österreichs Regierungsgeschäfte führte, Kaiserin. Sie war jedoch zugleich die Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen sowie die Gräfin von Tirol.

Kaiserin Maria Theresia, Gemälde von Martin van Meytens, um 1752
Kaiserin Maria Theresia, Gemälde von Martin van Meytens, um 1752

„Die Erste Dame Europas“ regierte mit einer Mischung aus schlauem Kalkül, gesundem Menschenverstand und der Gabe, Menschen zusammenzubringen. Getreu dem traditionellem Habsburg-Motto „Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube“ („Kriege mögen die anderen führen, du, glückliches Österreich, heirate“), hat sie ihre 16 Kinder taktisch klug in ganz Europa verheiratet und damit die Geschicke zahlreicher Herrscherhäuser beeinflusst, darunter Parma, Neapel oder Frankreich. Die Dynastien Bourbon und Habsburg vereinten sich, um gegen die gemeinsamen Feinde Preußen und England anzutreten. Nach dem Tod ihres Mannes (1765) ernannte Maria Theresia ihren 24-jährigen Sohn Joseph offiziell als Mitregenten, vertraute ihm jedoch lediglich die Heeresreform an.

Mit Königin Maria Theresia ging ein tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Wandel einher. Sie nahm Neuerungen in Staat und Gesellschaft in Angriff, da der österreichische Erbfolgekrieg das Land im Vergleich zu anderen Staaten zurückgeworfen hatte. Umgeben von qualifizierten Beratern wie dem Kanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz und Friedrich Wilhelm Graf Haugwitz, führte sie etliche Reformen ein, unter anderem auf den Gebieten Wirtschaft, Bildung, Münzwesen und Verfassung. So verabschiedete sie 1774 die Schulverordnung, zügelte die Macht der Jesuiten im Bildungssystem und ließ dieses mit Hilfe von Pädagogen wie J. A. Felbiger umordnen.

Kulturelle Toleranz und Freiheit

Es entstand ein zentralistischer Einheitsstaat mit einem mächtigen Staatsbeamtentum und für einen aufgeklärten Absolutismus typische Veränderungen. Carl Ramshorn schrieb in „Maria Theresia und ihre Zeit“ im Jahr 1861, es sei ihre Absicht gewesen, „vor allem die Gerichtsbarkeit und die höhere Polizei nach und nach in die Hände der Regierung zu bringen“ und  „in das vielgestaltete Gemeindeleben in den verschiedenen Theilen der Monarchie eine größere Gleichmäßigkeit zu bringen und dasselbe den Bedürfnissen, Bestrebungen und Ansichten der Zeit mehr und mehr konform zu machen“. Kulturell sehr offen und interessiert, tolerierte Maria Theresia außerdem eine lebendige Publizistik. Von einer gelockerten Zensur profitierten literarisch, wissenschaftlich, praktisch-ökonomisch und philosophisch-ethisch orientierte Aufklärungsgesellschaften.

Grundlegende Änderungen im Strafrecht waren die Einschränkung der Todesstrafe und die Abschaffung der Folter 1776. Dies war auch das Verdienst des Wiener Regierungsrates Joseph von Sonnenfels‘, der in seiner Schrift „Über die Abschaffung der Tortur“ fragt: „Wenn die Untersuchung durch die Folter weder dem Richter die Zuverlässigkeit gewähret, welche in peinlichen Verurtheilungen nothwendig ist; wenn sie nicht einmal nur die Wahrscheinlichkeit gegen den Beschuldigten vergrössert; wenn sie zur Verurtheilung überflüssig ist, da ein in Verdacht genommener, auch ohne zum Bekenntnisse gebracht zu seyn, dennoch gesstraft werden kann“ – ist die Folter dann sinnvoll? Stattdessen sollten Verbrecher dem Allgemeinwohl dienen und in der Strafanstalt zu besseren, in die Gesellschaft integrierbaren, Menschen erzogen werden.

Für mehr Gerechtigkeit und Freiheit ihrer Untertanen führten die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung von Adelsprivilegien, religiöse Toleranz und staatliche Wohlfahrt. Der Thronnachfolger Joseph II. setzte nach 1780 weitere aufklärerische Reformen in Gang. Revolutionär waren seine Säkularisierungsmaßnahmen: Alle Orden, die im volkswirtschaftlichen Sinne unproduktiv waren, also keine Krankenpflege, Schulen oder andere soziale Aktivitäten betrieben, wurden aufgehoben, ihr Besitz verstaatlicht. In den Jahren 1781/82 waren das 700 Klöster.

Der Dollar des 18. Jahrhunderts

Auch am anderen Ende der Welt erkannten viele Menschen das Abbild der österreichischen Kaiserin – auf Münzen. Der Maria-Theresia-Taler wurde seit der im September 1753 mit dem Kurfürsten von Bayern abgeschlossenen Münzkonvention verwendet. Seit dem Tod Maria Theresias im Jahr 1780 wird der Taler mit Jahreszahl 1780 als Handelsmünze nachgeprägt. Aber er wurde nicht nur innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation geprägt, etwa in Karlsburg, Mailand, Prag oder Venedig, sondern auch außerhalb, in Birmingham, Bombay, Brüssel,  Paris, oder Utrecht. Der Taler war bis zum Jahr 1858 gesetzliches Zahlungsmittel im Kaiserreich Österreich. Bis weit ins 20. Jahrhundert war er jedoch auch als äußerst zuverlässiges Zahlungsmittel in weiten Teilen Afrikas und Asiens bis in den indischen Raum hinein im Gebrauch – der Dollar des 18. Jahrhunderts!

Spielarten des Rokoko: Porzellanfigürchen in Turmperücken

Das im spätabsolutistischen Frankreich entsprungene, von 1720 bis 1780 andauernde Rokoko war eine Welt für sich. Nach dem Pathos und dem Höfisch-Repräsentativen des Barock mit dem „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. ging der Trend hin zum Intim-Persönlichen, Eleganten. Mit dem Tod des Regenten 1715 tauschten viele Adlige die steifen Räumlichkeiten des Versailler Schlosses gegen prächtige Palais und Appartements mitten in Paris. So verlagerte sich das gesellschaftliche Leben auf edle Salons in der Hauptstadt, und die einzelnen Familien richteten sich nach ihrem persönlichen Geschmack ein. Eine anmutige, verspielte Inneneinrichtung – nach dem aktuellen König Ludwig XV. „Louis-quinze“ benannt – prägte sowohl private Gemächer als auch Empfangsräume.

Fresken in der Basilika St. Alexander und Theodor in Ottobeuren
Fresken in der Basilika in Ottobeuren

Muschelförmige, mit Blatt- und Rankendekorationen umrandete Ornamente, die Rocailles, waren ein typisches Merkmal des Rokoko. Man findet sie auf Stuckdekorationen ebenso wie auf Täfelungen, Möbeln und Porzellan der Epoche. Und selbstverständlich machte auch dieser französische Trend nicht an den Grenzen halt – überall in Europa verschnörkelte man Fassaden und Einrichtungen. In Süddeutschland gewann der Stil vor allem für die Schloss- und Kirchendekoration sowie in der Porzellanmanufaktur an Bedeutung. 

In der französischen Mode zeigten sich wesentliche Veränderungen. Von der Hofetikette befreit, trennten sich die Damen von ihren schweren und steifen Kleidern und bevorzugten einen luftigen, bequemen Stil. Männer entledigten sich ihrer barocken Kostüme und trugen lockere Anzüge, die je nach Anlass unterschiedlich verziert und bestickt wurden. Zum Outfit gehörte zudem ein spitzenbesetztes Hemd, eine hüftlange Weste, Halsbinde oder Krawatte und auf den Kopf ein Dreispitz.

Für die französische Oberschicht gehörte die Perücke im 18. Jahrhundert zur Pflichtausstattung. Um 1720 trugen Männer am Hof  die „Perruque à deux queues“, 40 cm lange, mit Schleifen zusammengehaltene Zöpfe. 30 Jahre später kam die Vollperücke in Mode, die mit Pomade, Talg oder dünnem Krepp gelockt und mit weißem, dem Adel vorbehaltenen, Puder bestäubt wurde. Mit Eiweiß wurde sie an die Kopfhaut geklebt. Da menschliches Haar rar, teuer und empfindlich war, wurde Pferde- oder Ziegenhaar, Hanf, Flachs oder Wolle verwendet. Laut der Encyclopédie perruquière von 1757 gab es 45 verschiedene Herrenperücken. Da war für jeden Geschmack etwas dabei – ein praktisch glatzenloses Jahrhundert, denn auch im Volk waren Perücken beliebt.

Marie-Antoinette
Stilikone des Rokoko:
Marie-Antoinette (1755-1793)

Ein Fest für Karikaturisten waren die Drahtgestelle und Rosshaarteile, mit denen Frauen ihre Haarpracht im Spätrokoko verlängerten und zu absurd hohen Türmen hochtoupierten. Zu festlichen Anlässen wurden noch Blüten, Bänder oder gar Juwelen eingesetzt. Um 1773 erreichte die Perückenmode mit den Poufs ihren Höhepunkt. Diese Stoffteile wurden aufwändig bestickt, darüber hinaus wurden Perlen, Federn oder kleine Porzellanfiguren ins Haar eingeflochten. In Paris erfand ein Haarkünstler sogar eine Frisur, die mit Scharnieren versehen umklappbar war, damit die Damen sich beim Einsteigen in ihre Sänften nicht die Frisur zerstörten. Um 1715 kam in Frankreich der korbartige „Panier“, der Reifrock, auf. Während des Rokoko änderte sich ständig die Form – es gab kegel- und trapezförmige, eckige und ovale Ausformungen. Die darüber getragenen Röcke bestanden – je nach finanziellen Möglichkeiten – aus Satin, Taft oder Damast. Kleider mit Blumenmustern und Modedrucken fielen locker über die Röcke, am Ellenbogen waren flügelartige Aufschläge angenäht, die später durch Volants und Rüschen ersetzt wurden.

Die Stilikone des Rokoko schlechthin war Marie Antoinette, die Frau König Ludwig XVI. Als 14-Jährige kam sie nach Versailles und brachte mit ihrer zierlichen, anmutigen Figur, weißem Teint und eleganten Bewegungen alle Voraussetzungen einer wahren Schönheitskönigin mit. Für Politik und Diplomatie interessierte sie sich nicht, dafür umso mehr für die neuesten Stoffe, edle Waren von Übersee, interessante Frisuren – sie brachte es auf eine Turmfrisur von 91 cm Höhe! – und schicke Kleider. Die Königin des Rokoko gab so viel Geld für Schneiderinnen, Friseure und Juweliere – die ihr allzeit zur Verfügung standen – aus, dass sie zeitweise gar zahlungsunfähig war. Für ihre Verschwendungssucht hatte das Volk nach der Revolution jedoch kein Verständnis mehr: Marie Antoinette starb 1793 in Paris auf dem Schafott – und mit ihr der naiv-verspielte, lebenslustige Rokoko.

Gondolieri als Claqueure in der Oper

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Barocke Oper

Der Siegeszug der barocken Oper in Europa begann im 17. Jahrhundert in Italien und endete um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Jahr 1637 wurde in Venedig das erste kommerzielle Opernhaus eröffnet und bis 1678 gab es neun Theater, in denen insgesamt 150 Opern gegeben wurden. Die Erfindung der variablen Bühne ermöglichte häufige Szenenwechsel. Mit Maschineneffekten wurden Illusionen geschaffen, sodass Globen über die Bühne schwebten oder künstliche Tiere eingebaut werden konnten. In ganz Europa feierte man das Bezaubernde der französischen und das Pathetische der italienischen Oper.

Doch die mythologischen Stoffe der frühen Opern wurden verdrängt durch Themen des Alltags mit komplexen Handlungssträngen. Verschwörungen und Revolten, Liebesszenen und komische Intermezzi unterhielten das Publikum besser als das Heroentheater, die Verherrlichung von Fürstentreue, Großmut und Tapferkeit. Auch in der Musik war die von der Aufklärung propagierte Freiheit des Herzens angekommen.

Opern und Singspiele für das Volk

Populär wurden komische Gattungen wie die italienische opera buffa. Komische Intermezzi, die vorher ein Schattendasein als Pausenfüller zwischen den Akten führten, verselbstständigten sich zu abendfüllenden komischen Opern, die im ländlichen oder bürgerlichen Milieu spielten, und die dem Ideal der Natürlichkeit im Sinne Rousseaus entsprachen. Die Musik orientierte sich mehr an der Handlung, Dialoge und Ensembles ersetzten Solo-Arien.

Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen trafen sich im 18. Jahrhundert in den prunkvollen Sälen nicht mehr nur die Nobili, sondern auch einfache Bürger und auswärtige Besucher. Unter anderen wurden Gondolieri als Claqueure bezahlt, mussten das Operngeschehen also gut verstehen. Die „Rieurs“ lachten an vorgegebenen Stellen „spontan“, die „Pleureurs“ schluchzten während rührender Szenen und die „Tapageurs“ sollten euphorisch applaudieren.

Deutsche und österreichische Musiker komponierten statt italienischen Opern deutschsprachige Singspiele mit eingängigen Melodien und gesprochenen Zwischentexten. Hier hießen die Helden nicht Daphne, Orpheus oder Kallisto, sondern Lottchen, Hänsgen oder Sophie. Einer der bedeutendsten Opernkomponisten der Vorklassik, Christoph von Gluck (1714-1787), zog es an die Mailänder Oper. Seine opere serie und tragédies lyriques konnten Bewohner mehrerer europäischer Städte, die kein Opernhaus besaßen, in mobilen Opern erleben. Sesshaft wurde er 1754 als Kapellmeister in Wien.

Portrait von Farinelli
Corrado Ciaquinto, Portrait von Farinelli, ca. 1755

Ab den 1780er Jahren führten die Wiener Klassiker Josef Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven deutsche, italienische und französische Stilarten zusammen und werteten die Instrumentalmusik zur autonomen Kunst auf. Diese großen Künstler beherrschten sämtliche Musikarten und Kompositionsweisen.

Ruhm und Elend der Kastratensänger

Nicht vergessen sollte man jedoch die vielleicht dunkelste Seite der schillernden Musikwelt: das Geschäft mit Kastratensängern. Tausende Jungen wurden vor der Geschlechtsreife kastriert, um die Sopran- oder Altstimme zu erhalten. Die grausame Tradition stammte aus katholischen Kirchenchören: Waisenkinder wurden im Verborgenen illegal operiert, um den guten Klang des Chores zu gewährleisten – denn nur ein schöner Chor brachte hohe Spenden!

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es eine wahre Kastrationswelle: In der Hoffnung auf Ruhm und Reichtum verkauften arme Eltern in Italien ihre Jungen für ein Trinkgeld an Eunuchenhändler. Aufgrund der unhygienischen Eingriffe starben viele Kinder, und die Überlebenden litten ein Leben lang an physischen und psychischen Spätfolgen. Erfolgreiche Kastratensänger genossen dagegen ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren Sänger wie Farinelli (1705-1782) oder Senesino (1686-1758) hoch bezahlte Stars der Opern und der Höfe.

Warum verschwand der Harlekin von der Bühne?

Um das Theater in Deutschland war es im 18. Jahrhundert schlecht bestellt. Schauspieler verdienten ihren Lebensunterhalt in fahrenden Theatergruppen, die Dorfplätze mit kurzweiligen Stücken auf bunt zusammengesetzten Bühnenvorlagen füllten. Es wurde mehr improvisiert als zitiert, hohe Tragödien wurden zur Unterhaltung des ungebildeten Volkes mit komischen Zwischenspielen und stereotypen Figuren verwässert.

Karel Dujardin, Commedia dell' arte, 1657
Karel Dujardin, Commedia dell‘ arte, 1657

Es gab den Liebhaber, den Lüstling, die schlaue Tochter, den alten Vater und den Harlekin. Den bildungshungrigen Bürger interessierten die Laienstücke der Wandertruppen nicht, sie erwarteten anspruchsvolle Unterhaltung in einem gehobenen Ambiente. Doch erst zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Wien, Mannheim, Berlin und München Nationaltheater errichtet.

Das aufklärerische Theater von Gottsched und Neuber

In seiner „Critischen Dichtkunst“ forderte der Leipziger Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched bereits 1730 neue theoretische Leitkategorien für eine systematische Erneuerung des deutschen Dramas. Bürger sollten emanzipiert und Fürsten zu aufgeklärten Herrschern erzogen werden – und zwar nicht mit Stegreifspielen und Witzen, sondern mit fundierten, vom Geist der Aufklärung erhellten Dialogen und Handlungen.

Eine bedeutende Figur der aus der Mode gekommenen italienischen Commedia dell’arte, der Arlecchino, war Gottsched ein Dorn im Auge. Seine Streiche und Obszönitäten störten den geregelten Ablauf eines Theaterstückes mit moralischer Aussage. Als Fantasiefigur konnte er außerdem keine aufklärerischen Ideale transportieren. Um die Vertreibung des klassischen Harlekin aus dem aufklärerischen Theater zu symbolisieren, wurde im Jahr 1737 unter der Leitung der Schauspielerin und Ensemble-Leiterin Friederike Caroline Neuber eine Puppe auf der Bühne verbrannt.

Giovanni Michele Graneri, Teatro Regio in Turin, ca. 1752
Giovanni Michele Graneri, Teatro Regio in Turin, ca. 1752

Mit Neuber entwickelte Gottsched eine theoretische Theaterreform, die sie in Dramen praktisch umsetzte. Im Jahr 1727 erhielt die Neuberin das sächsische Hofprivileg, in Leipzig ein Theater zu errichten und gründete ihre „Neuber’sche Komödiantengesellschaft“. Sie bildete Schauspieler künstlerisch aus und zahlte feste Gehälter, was maßgeblich zur Anerkennung des Berufsstandes beitrug. Bis heute gilt Caroline Neuber als Begründerin des modernen Schauspiels und als Wegbereiterin des literarischen Theaters in Deutschland.

Gottscheds Theorie zog aber auch Kritik auf sich, da er die Ständeklausel weiter befolgen wollte. Gemäß dieser Klausel gab es nur ein adliges Trauerspiel und ein bürgerliches Lustspiel. Nur der Adel durfte in tragischen Figuren dargestellt werden, für den Bürger blieb die Komödie, seine Probleme und Schwächen wurden ausgelacht, da ihm nach Ansicht des Adels die Fähigkeit zum tragischen Erleben fehlte.

Bürger als tragische Helden

Als Gotthold Ephraim Lessing 1767 als Theaterdichter nach Hamburg berufen wurde, propagierte er mit Stücken wie „Emilia Galotti“ oder „Miss Sara Sampson“ das Gegenteil. Der Zuschauer sollte sich als Mensch mit dem Protagonisten identifizieren können – unabhängig von seiner gesellschaftlichen Position. Der Held sollte nicht immer ein Adliger sein, auch ein Bürger durfte nun im Mittelpunkt stehen: Aus Tragödien wurden bürgerliche Trauerspiele mit tragischem Ende. Beliebter waren jedoch „Rührstücke“ mit glücklichem Ausgang, die das Erfahren von sinnlicher Liebe im empfindsamen Schauspiel und das Streben nach gesellschaftlicher Emanzipation mit moralisch-erzieherischer Wirkungsabsicht hervorhoben.

Vorbilder für das deutsche Theater jener Zeit waren französische Tragödien von Corneille, Racine und Voltaire sowie Komödien von Molière, Beaumarchais oder Marivaux. Beaumarchais‘ Erfolgskomödie „Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro“ (1785) spiegelt die Konfrontation der drei Klassen – Adel, Geistlichkeit, Bourgeoisie – wider und stellt das Ancien Régime durch die Adelskritik in Frage.

Sprachen im neuzeitlichen Europa

Jahrhundertelang beherrschte Latein als europäische Gelehrten- und Theologensprache sämtliche Druckwerke im deutschsprachigen Raum. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte sich jedoch in vielen Bereichen Französisch durch.

Gruppenbild 4 adlige Kinder, wahrscheinlich aus Deutschland
Vier adlige Kinder, 18. Jahrhundert, wahrscheinlich aus Deutschland

Die Kultur Frankreichs war in den deutschen Territorien allgegenwärtig und hoch angesehen. Nicht nur Fürsten, Adlige und Gelehrte sprachen Französisch. Ambitionierte Bürger stellten muttersprachliche Gouvernanten ein, damit ihre Kinder die „Sprache der Gebildeten“ erlernten. Friedrich II. von Preußen sprach dagegen nicht einmal innerhalb seiner eigenen Familie Deutsch und verspottete 1780 in seiner Schrift „Über die deutsche Literatur“ hochrangige deutsche Schriftsteller. Er selbst parlierte, korrespondierte und publizierte in Französisch. 

Die „Richtigkeit der Sprache“

Es ist sowohl dem patriotischen Selbstbehauptungswillen deutscher Gelehrter und Literaten wie Johann Christoph Gottsched als auch dem zunehmenden Interesse nicht-frankophiler Bürger zu verdanken, dass die Sprache Goethes sich emanzipieren konnte. Ein Wegbereiter für die Einführung des Deutschen anstelle von Latein in akademischen Vorlesungen war Christian Thomasius, der bereits 1694 in seiner „Einleitung zu der Vernunfft-Lehre“ erklärte, dass das Deutsche ein größeres Publikum erreichen könne und für Vorlesungen ebenso geeignet sei wie das Gelehrtenlatein.

Johann Christoph Gottsched
Johann Christoph Gottsched
(1700-1766)

In Universitätsstädten gab es seit 1720 Gesellschaften zur Sprachenpflege. In der Satzung der in Leipzig ansässigen „Deutschen Gesellschaft“ hieß es: „Man soll sich allezeit der Reinigkeit und Richtigkeit der Sprache befleissigen“ und Provinzial-Redensarten vermeiden, „so daß man weder Schlesisch noch Meißnisch, weder Fränkisch noch Niedersächsisch, sondern rein Hochdeutsch schreibe; so wie man es in ganz Deutschland verstehen kann.“

Englisch als Handelssprache

Die Einbeziehung englischer Kultur setzte relativ spät ein. Sie ging von Hafenstädten wie Hamburg und Kopenhagen aus, da hier der Seehandel florierte. Englisch prägte eher die Kommunikation zwischen Händlern als zwischen Gelehrten. In der Literatur machte die Sprache seit der Übersetzung bürgerlicher Trauerspiele und empfindsamer Romane dem Französischen Konkurrenz. Das Italienische lernten Gebildete auf ihren Reisen oder im Studium. Andere Nationalsprachen wie slawische oder skandinavische waren außerhalb ihrer Sprachgebiete kaum bekannt.

Eine Sondersituation gab es in Dänemark: Seit dem 14. Jahrhundert emigrierte deutscher, protestantischer Adel und dominierte im 18. Jahrhundert  zunehmend das kulturelle und das Alltagsleben in Kopenhagen. Sowohl im Königshaus und unter hohen Beamten als auch unter Handwerkern und kleinen Händlern herrschte Deutsch als Verkehrssprache. Im Heer war es die Kommando-, in Kanzleien die Geschäftssprache, bis 1772 Dänisch offiziell zur Staatssprache erklärt wurde.