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Vom Taugenichts zum Genius: Künstler erwachen

Die Bildenden Künste des 18. Jahrhunderts waren hauptsächlich vom Barock geprägt. Man unterscheidet zwischen Hochbarock (bis 1720) und Spätbarock oder Rokoko (bis 1770). Zwar gab es keine eigentliche aufklärerische Kunsttradition, das barocke Prunkhafte, das Galant-Gekünstelte des Rokoko und des Muschelstils nach Geschmack von Ludwig XV. wurde in Deutschland bald abgelehnt.

Hochzeit im Rokoko
Hochzeit im Rokoko

Der Rokoko-Stil mit seinen „frivolen Reizen“ wurde als privater Luxus angesehen und wich in der Mitte des 18. Jahrhunderts dem Ideal einer rationalen Schönheit, die ein breites Publikum erreicht, einerseits, und einem strengeren, bildhaften Klassizismus andererseits.

Die klassizistischen Formen zeigten sich besonders deutlich in neuen architektonischen Ideen von Stadtplanern und Baukünstlern. Der Architekt Friedrich Weinbrenner entwarf 1797 einen Umbauplan für Karlsruhe, der sich nicht mehr am fürstlichen Schloss orientierte. Der barocke Stil sollte beibehalten werden, Klarheit und Licht, Maß und Linie sollten die Kaiserstraße jedoch – im Sinne der Aufklärung – „vernünftiger“ strukturieren. 

Künstlerisches Selbstbewusstsein

Der Beruf des Künstlers wandelte sich allmählich: Der „Genius“ gewann an Selbstwertgefühl und war überzeugt von der großen Bedeutung seiner Kunst für die Gesellschaft. Diese Entwicklung wurde auch durch wichtige kunsttheoretische Schriften begünstigt: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der modernen Kunstwissenschaft, veröffentlichte 1764 die „Geschichte der Kunst des Altertums“ und 1765 „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“.

Der Künstler emanzipierte sich in seiner Berufsauffassung – weg von Aufträgen für hohe Herrschaften hin zum freien, selbstbestimmten Produzieren für den Kunstmarkt. Gleichzeitig änderten sich die Themen: An die Stelle von religiösen und mythologischen Motiven, Allegorien und Oberschicht-Porträts traten Abbildungen des alltäglichen Lebens und der harten Arbeitswelt in der aufkommenden Industriegesellschaft. Die Kehrseite der Medaille war das Risiko, keine Aufträge zu ergattern – so festigte sich das romantische Bild des verarmten Künstlers.

Die Kultur insgesamt wurde in jener Zeit „bürgerlich“, Geistlichkeit und Adel büßten an Einfluss ein. Herrscher mit aufgeklärter Gesinnung sahen diese Entwicklung nicht als negativ an und erkannten die Zeichen der Zeit: Erste Museen wurden gegründet, Privatsammlungen standen auch Besuchern der unterprivilegierten Schichten offen. Das Kasseler Fridericianum wurde 1769  als eines der ersten öffentlichen Museen in Europa vom hessischen Landgrafen gegründet. Es beherbergte antike Statuen, Kunstgegenstände sowie  die fürstliche Bibliothek und ist noch heute weltberühmt – als Mittelpunkt der alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellungsreihe documenta.

Vom Atelier auf die Porzellanvase: Frühes Merchandising

Porzellan-Service von Angelika Kauffmann
Porzellan-Service von Angelika Kauffmann

Im Jahr 1792 wurde auch das Pariser Louvre-Museum eröffnet. Zudem wuchs die Anzahl der Kunstakademien beständig: Um 1720 gab es in Europa lediglich 19 Institutionen, 1790 schon 100. Die 1768 gegründete Royal Academy of London wurde nicht nur von Künstlern, sondern gleichermaßen von Industriellen und Geschäftsleuten getragen.

Der Kunstmarkt fand seine Käuferschaft zunehmend in bürgerlichen Kreisen. Es gehörte zum eleganten Interieur, die Wände mit Kopien bekannter Gemälde zu zieren. Geschickt vermarktete die schweizerische Malerin Angelika Kauffmann ihre Kunst: Sie ließ ihre Bilder in Kupfer stechen und auf Gebrauchsgegenstände wie Fächer, Möbel, Vasen, Tabakdosen oder Porzellan reproduzieren. Diese Art der künstlerischen Arbeit war sehr lukrativ und brachte Kauffmann Millionen ein. Sie wurde 1807 mit großem Pomp in Rom begraben.

Heißluftballons und Dampfmaschinen: Geniale Erfindungen

Watt, Ampere, Ohm, Volta – heute benutzt man diese Begriffe selbstverständlich für elektrische Einheiten. Aber wer waren die Erfinder, nach denen die Einheiten benannt sind? Das 18. Jahrhundert war die große Epoche für grundlegende Erfindungen, insbesondere im Bereich Elektrizität und Mechanik. So wurde die europaweite Industrialisierung erst möglich.

Dampfmaschine von Thomas Newcomen
Dampfmaschine von Thomas Newcomen, 1712 konstruiert

Während die Geisteswissenschaftler sich mit theoretischen Traktaten über die Emanzipation der Gesellschaft beschäftigten oder astronomische Erkenntnisse erlangten, entwickelten Handwerker und Ingenieure mit Hilfe von Privatinvestoren neue Maschinen und Verfahren zur Güterproduktion und trugen damit wesentlich zum technischen Fortschritt bei, aber auch zur Verarmung von selbständigen Handwerkern. Waren Maschinen auch in der Anschaffung teuer, brachten sie den Großinvestoren doch im Endeffekt große Gewinne und zerstörten die Lebensgrundlage von kleinen Produktionsstätten. 

Bahnbrechend: Die ersten Dampfmaschinen

Die erste Form einer Dampfmaschine – wohl die wichtigste technische Erneuerung der Epoche – erfand der englische Schmied Thomas Newcomen im Jahr 1712. James Watt, britischer Ingenieur und Erfinder, optimierte 1765 die erste Version für die Wasserförderung in Bergwerken. Durch die Einführung eines vom Zylinder getrennten Kondensators schuf Watt die erste direkt wirkende Niederdruckdampfmaschine. Auch eine Kopierpresse – die Wattsche Presse – entwickelte er als Vorläufer moderner Kopiergeräte. In den 1780er Jahren optimierte er seine Dampfmaschine derart, dass sie als Antriebskraft in Textilbetrieben verwendet werden konnte.

Die boomende Textilindustrie in Europa ist das Verdienst mehrerer britischer Erfinder. Der Baumwollweber James Hargreaves mechanisierte 1767 das Handspinnrad und baute die erste Feinspinnmaschine, die „Spinning Jenny“. Ein verbessertes Modell, die Baumwollspinnmaschine mit Streckwalzen zur automatischen Garnzuführung, schuf der Industrielle Sir Richard Arkwright 1769. Er richtete 1771 eine große Spinnerei in Cromford ein und ließ Häuser, eine Schule sowie eine Kirche erbauen, um die Weber an sich zu binden. Selbständige Handwerker und Heimarbeiter wurden preislich unterboten und wurden zu Lohnarbeitern. Die Nachfrage nach Garn war so groß, dass Arkwright weitere Fabriken  in Großbritannien und Schottland eröffnete. Und Spinnmaschinen wurden immer raffinierter: 1779 kam Samuel Cromptons ausgefeilte „Mule Jenny“ auf den Markt – sie bildete die Grundlage für die Herstellung von feinen Stoffen wie Musselin und damit für die Entwicklung der Textilgroßindustrie.

Schafe im Heißluftballon über Versaille

Luftschiff der Brüder Montgolfier
Erster Heißluftballon: Das Luftschiff der Brüder Montgolfier, 1783

Während die genannten Erfindungen zunächst nur in Fachkreisen diskutiert und verwirklicht wurden, arbeiteten die Brüder Montgolfier in aller Öffentlichkeit: Als erste Menschen erfüllten sie sich den Traum vom Fliegen mit einem selbstgebauten Heißluftballon. Nach ersten öffentlichen Flügen mit der angeseilten, mittels von Wolle und Heu erhitzter Luft betriebenen „fliegenden Kugel“, lud der König Ludwig XVI. sie im Juni 1783 höchstpersönlich zu einer Demonstration nach Paris ein. Allerdings war man zunächst vorsichtig und setzte Tiere – eine Ente, ein Schaf und einen Hahn – ein, um zu sehen, ob sie überleben würden. Die Rhesusaffen Miss Baker und Able, die 1959 von den USA ins Weltall geschossen wurden und nach in 15 Minuten 2500 Kilometer geflogen sind, hatten also Vorgänger.

Die „Montgolfière“ (zu Deutsch: „Luftball“ und „Freiballon“) wurde erst fünf Monate später von Menschen bestiegen – sie legte in einer knappen halben Stunde etwa sieben Kilometer zurück. Die Montgolfiers waren der Ansicht, der Rauch sei das Auftriebsmittel, und bevorzugten daher stark qualmende Brennmaterialien. Zur selben Zeit trug der ungeduldige König dem Physiker Jacques Alexandre César Charles auf, ein ähnliches Luftgefährt zu bauen. Er entwickelte die „Charlière“, einen mit Wasserstoffgas angetriebenen Seidenballon, der im Dezember 1783 bei Paris in etwa drei Kilometer Höhe schwebte.

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation

Das Heilige Römische Reich im Jahr 1789
Das Heilige Römische Reich im Jahr 1789

Das vom Jahre 962 bis 1806 existierende Heilige Römische Reich deutscher Nation war ein aus weit über 300 unterschiedlich großen Territorialstaaten, halbautonomen Gebieten und Reichsstädten gebildeter Staatenbund. Im Süden reichte er zeitweise bis nach Italien und Dalmatien, im Osten grenzte er an Ungarn und Polen. Im Westen reichte der Bund bis zur französischen Grenze, im Norden war er von Ost- und Nordsee eingeschlossen. In Fortsetzung der Tradition des antiken Römischen Reiches wollten die mittelalterlichen Regenten so die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne legitimieren.

Wie seine Vorgänger wurde auch der letzte Kaiser, Franz II. (er regierte 1792 bis 1806; von 1804 bis 1835 war er der erste Kaiser Österreichs), in Wien von den Kurfürsten gewählt. Diese machten das Reich als Ganzes mit ihren unterschiedlichen Gesetzgebungen, Religions- und Militärhoheiten quasi unregierbar und unberechenbar. Auch wichtige ökonomische Entscheidungen über Zollbestimmungen, Gewichtsordnungen und Münzrechte fällten die  Regenten selbstständig und lagen in ständigem Wettstreit. Unklarheiten, Streitigkeiten und langsame Kommunikationswege behinderten sowohl den sozialen Wandel als auch den ökonomischen Aufschwung.

Weder heilig, noch römisch, noch Reich

Viele Intellektuelle empfanden das bunte Konglomerat aus Fürsten- und Herzogtümern, Grafschaften, Reichsrittern, Markgraftümern und -schaften, Hochstiften, Reichsstädten, Fürstbistümern, Fürstpropsteien usw. als einen Anachronismus. Voltaire erkannte die eigentliche Problematik des janusköpfigen Gebildes: „Dieser Korpus, der sich immer noch Heiliges Römisches Reich nennt, ist in keiner Weise heilig, noch römisch, noch ein Reich.“ Es hatte keinen geistlichen, sondern einen weltlichen Führer, die Bevölkerung war zu großen Teilen nicht römischer, sondern germanischer Herkunft und es war weniger ein imperialistisches Großreich als ein Staatenbund.

Der 25-jährige Kaiser Franz II. nach seiner Krönung 1792
Der 25-jährige Kaiser Franz II. nach seiner Krönung 1792

Vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), in dem durch Schlachten, Seuchen und Hunger ganze Regionen entvölkert wurden – in Teilen Süddeutschlands überlebte nur ein Drittel diese Zeit – sollte das Reich für Ruhe, Stabilität und Frieden sorgen. Fortschrittliche Entwicklungen vollzogen sich noch am ehesten in großen Territorien mit wichtigen wirtschaftlichen Ressourcen wie Preußen, Sachsen oder Kurhannover. Sie verfügten über die besten Voraussetzungen für ein verbessertes Bildungssystem und Gebietsvergrößerungen durch Kriege wie z. B. den Siebenjährigen Krieg (1756-1763). In kleinen Territorien ruinierte der Landesherr die Finanzen oft dadurch, dass er den Prunk der großen Höfe wie Versailles nachahmen wollte.

Napoléon Bonapartes Rheinbund: ein Militärbündnis

Im Jahr 1806 schlossen sich 16 deutsche Fürstentümer zum „Rheinbund“ zusammen und sagten sich damit vom Reich los. Zwei Jahre später kamen 20 weitere Staaten hinzu. In erster Linie war dieser Bund jedoch lediglich ein Militärbündnis mit Frankreich, abhängig von Napoléon Bonapartes Plänen. Dieser drängte Franz II. erfolgreich dazu, das Reich als Ganzes eigenmächtig aufzulösen – ohne Zustimmung des Reichstages. Napoléon musste den Rheinbund 1813 auflösen und wurde am 30. Mai 1814 nach zahlreichen Kriegen gestürzt. Auf dem Wiener Kongress (18.9. 1814 – 9.6. 1815) entstand eine neue territoriale Aufteilung Europas. Die deutschsprachigen Einzelstaaten schlossen sich zum Deutschen Bund zusammen. Franz II. spielte noch immer eine große Rolle – bis 1866 führte Österreich den Deutschen Bund als Präsidialmacht.

Mit Geistern gegen die Aufklärung: Geheimbünde im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert zeigte sich, dass auch (oder gerade?) in einer aufgeklärten Atmosphäre Platz für Geheimnisse ist. Während die Kirche in der Bevölkerung insgesamt an Rückhalt verlor, entstanden kleine Gruppen fanatischer Aktivisten. Nicht zuletzt die Langeweile des begüterten, nicht arbeitenden Adels begünstigte ein Verlangen nach nicht rational zu erklärenden Begebenheiten und geheimen Ritualen, bis hin zur Geisterbeschwörung und zum Wunderglauben. Quacksalber und Wunderdoktoren mit Elektrisiermaschinen stießen vielerorts auf ernsthaftes Interesse. Der deutsche Arzt und Philosoph Marcus Herz berichtete in der „Berliner Monatsschrift“ von einem Handwerker, dessen ominöse „Mondheilungen“ in höheren Bevölkerungsschichten besonders gefragt waren.

Symbol der Rosenkreuzer
Symbol der Rosenkreuzer

Viele Prominente der Zeit wie Diderot, Beaumarchais, La Fayette oder Danton in Frankreich, Washington und Franklin in den USA, Haydn und Mozart in Österreich sowie Goethe, Herder, Wieland und Lessing in deutschen Landen schlossen sich sogenannten Geheimgesellschaften an. Im Gegensatz zu dem teilweise öffentlich agierenden Bund der Freimaurer oder der harmlosen, 1738 von einem exklusiven Zirkel bürgerlicher oder neuadeliger Publizisten, Beamten und Theologen gegründeten Berliner Mittwochsgesellschaft, hielten sich Männerbünde wie die Illuminaten oder die Rosenkreuzer im Hintergrund. 

Alchemie und Magie der Rosenkreuzer

Die Rosenkreuzerbewegung trat erstmals im 17. Jahrhundert innerhalb des deutschen Protestantismus hervor und strebte nichts weniger an als eine Erneuerung von Kirche, Staat und Gesellschaft auf der Basis einer Harmonie von Naturwissenschaften und christlichem Glauben durch eine geheime Bruderschaft. Sie wirkte von Berlin aus und zählte zu ihren Mitgliedern eine Reihe Hochadeliger und bedeutende Politiker wie Friedrich Wilhelm II. und dessen Minister Wöllner. Einzelne Zirkel befassten sich mit Kabbala, Alchemie und Magie. Ihr Weltbild war eindeutig antiaufklärerisch geprägt: Sie wollten die Welt nicht durch Vernunft und Naturgesetze erklären, sondern mit unsichtbaren Geisterphänomenen.

Von Adam Weishaupt bis Dan Brown: Die Illuminaten

Der 1776 vom Ingolstädter Professor für praktische Philosophie und Kirchenrecht Adam Weishaupt gegründete Geheimbund der „Erleuchteten“ existierte von 1776 bis zu ihrem Verbot im Kurfürstentum Bayern. Weishaupt wollte durch Aufklärung und sittliche Verbesserung den Despotismus bzw. die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig machen. Seine Ziele teilten zeitweise bis zu 2000 Mitglieder in 70 Reichsstädten. Zu den berühmtesten zählten Goethe, Herder, der Weimarer Herzog Carl August, Friedrich Nicolai, Adolph von Knigge sowie Friedrich Jacobi. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um den Orden, 2009 verstärkt durch Dan Browns Roman „Illuminati“.

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Die Pyramide der Illuminaten

Ihr hochgestecktes Ziel, die intellektuelle und politische Elite der Gesellschaft zu bilden, erreichten die Illuminaten nie. Durch gegenseitige Bespitzelung und Geheimhaltung der Ordensziele zerstörte der Orden sich im Laufe der Zeit von innen. Denunziationen ehemaliger Mitglieder in Bayern zogen ab 1784 Hausdurchsuchungen bei aktiven Illuminaten nach sich, und Funde von Giftrezepten, Schriften über Selbstmord und Briefe, die Weishaupt diffamierten, läuteten das Ende des Geheimbundes ein. Ihm wurden außerdem umstürzlerische Aktivitäten gegen Fürsten und sogar die Auslösung der französischen Revolution vorgeworfen. Dabei beschränkten sich die Ordensaktivitäten hauptsächlich auf wissenschaftliche und sittliche Verbesserungsmaßnahmen. Versuche der Einmischung in die bayerische Politik waren die Ausnahme.

Blogger schenken Lesefreude

Zum Welttag des Buches nehme ich an der Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ teil – mit meinen Blogs diewortjongleurin.wordpress.com und seotexterin-muenchen.de.

Als Autorin habe ich zwei eigene Bücher verlost und gratuliere den Gewinnern per Mail.

Wenn Einer eine Reise tut…

„Der Weg ist das Ziel“, sagen Reisende heute gern, die sich in ihre ICE-Komfortsessel fallen lassen und ihr Gepäck sicher einschließen. Mit „Eisenbahn“ war Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch ein eiserner Fahrweg gemeint, auf dem jahrzehntelang die „Pferdebahn“ gezogen wurde. Erst 1831 wurde die erste Bahnlinie mit Dampfbetrieb auf dem europäischen Kontinent eingeweiht: die Bahnstrecke Saint-Étienne-Lyon in Frankreich.

Reise_„Die erste Eisenbahn (Linz-Budweis) auf dem Kontinent, gezeichnet von A. Krúzner“, Bild der Pferdeeisenbahn Linz-Budweis
Die erste Pferdeeisenbahn (Linz-Budweis) in Europa; gez. von A. Krúzner“

Für Reisende in der Frühen Neuzeit war das Vorankommen in Postkutschen, auf unbefestigten Fahrstraßen, Reitwegen und Fußsteigen, zeitaufwändig und anstrengend. Sechs bis acht Personen saßen dicht an dicht. Sie durften jeweils nur einen Reisesack mit Wäschestücken umsonst mitnehmen, das „Felleisen“. Dabei war die Fahrt an sich nicht billig: Man zahlte einen Gulden pro Postmeile (ca. 7,5 Kilometer), für einfache Bürger ein kleines Vermögen. Zudem rechneten Postillione oft willkürlich ab.

Als vorrangiger Zweck einer freiwilligen Reise galt die Festigung des Charakters sowie die sorgfältige Erkundung von „Schönheiten und Merkwürdigkeiten“. Die „Reiseklugheit“ gewinne man durch ein vorsichtiges Benehmen gegenüber seinen Gastgebern an den unterschiedlichen Orten und einer „geschickten Anwendung der erlangten Kenntnisse, wenn man wieder zu Hause ist.“ Dies galt insbesondere für die Kavalierreise oder „Grand Tour“ durch Mitteleuropa, Italien und Spanien. Sie galt als obligatorische Reise von europäischen Adelssprossen, später auch von jungen Männern des gehobenen Bürgertums.

Überfall auf Postkutsche
Überfall auf eine Postkutsche

Postkutschen eroberten ab Mitte des 17. Jahrhunderts ganz Europa. Sie wurden für kurze Strecken sogar in Amerika, Indien und im Vorderen Orient eingesetzt. Die Spitznamen „Ackerkarren“ oder „Knochenknacker“ beschrieben den „Komfort“: Postkutschen ähnelten um 1800 alten Rollwagen, besaßen oft weder Türen noch Fenster. Und man kam nicht schnell voran. Während ein Wanderer 25 bis 40 Kilometer an einem Tag zurücklegen konnte, schaffte die Postkutsche nur ca. 37 Kilometer.

Bei Reisebekanntschaften war Vorsicht geboten, die Angst fuhr mit. Nicht umsonst lautete ein populäres Sprichwort: „Fern von Haus ist nahe bei Schaden.“ Man stieg nur bei einer zwingenden Notwendigkeit in das rumpelnde Gefährt, z. B. für Geschäftsreisen. Zeitgenössische Reiseliteratur riet gar zur Mitnahme einer Pistole und zu grundsätzlichem Misstrauen gegenüber Fremden. Besonders gefürchtet waren große Banden, die gezielt Kutschen überfielen.

Unbekannten oder Fußgängern die man unterwegs antrifft, auf seinem Wagen, aus unvorsichtiger Gutmütigkeit, einen Platz einzuräumen, ist das beste Mittel, beraubt oder ermordet zu werden.

Unterwegs im Knochenknacker auf Höllenpfaden

Feste Dienstfahrpläne gab es nicht, die erschöpften Pferde mussten an Wechselstationen ausgetauscht werden, wodurch lange Wartezeiten entstanden. Außerdem stellten Zollbeamte sämtlicher Fürsten-, Ritter- und Bistümer die Geduld der Passagiere auf die Probe. Die Grafschaften und Herzogtümer hatten verschiedene Wagenspuren, die beim Grenzübertritt durch den Austausch der Achsen vergrößert oder verkleinert werden mussten. Die Fahrgäste waren unerfahrenen Kutschern ausgeliefert, jeder Achsenbruch führte zur Katastrophe. Postillione orientierten sich mehr schlecht als recht an Meilenscheiben, ähnlich den heutigen Entfernungstabellen, an unpräzisen Landkarten und rudimentär ausgeschilderten Verkehrswegen.

Luxuriöse Kutschen wurden nur von Adligen und wohlhabenden Bürgern zur Selbstdarstellung genutzt. Die kleinen Schlösser auf Rädern konnten aber noch so schön von Kunstschreinern, Goldschmieden und Bortenmachern aus edlen Hölzern und Metallen angefertigt und mit Leder, Samt und Seide ausgekleidet worden sein – auch sie waren auf die von Schlaglöchern durchsetzten „Teufelswege“ und „Höllenpfade“ angewiesen. Es wurden sogar extra Diener engagiert, die vorliefen und vor Gefahren auf den miserablen Wegen warnten.

Schiffbare Flüsse und Ströme stellten willkommene, alternative Verkehrsadern dar. Schifffahrten waren nicht nur wesentlich günstiger und bequemer, sondern auch zuverlässiger. Hier musste man keinen Radbruch fürchten, sich nicht ins Ungewisse stürzen. Die Fahrgäste ließen sich treiben, z. B. stromabwärts auf Ober- und Niederrhein auf einem „Marktschiff“. Krünitz empfahl vor allem die „reizvolle Reise auf dem Rheine von Mannheim über Mainz, Koblenz, Köln und Düsseldorf“. Umständlich war allerdings das Treideln bei umgekehrten Flussläufen. Entlang der Ufer lagen Treidelpfade auf erhöhten Dämmen, Pferde- oder Ochsengespanne zogen die Boote stromaufwärts.

Für welches Transportmittel sich Reisende des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auch entschieden – sie mussten mit viel größeren Unwägbarkeiten, Umwegen und Gefahren rechnen als Touristen und Geschäftsreisende des 21. Jahrhunderts.

Aufklärer zwischen Gott und Galilei

Die Reformation im Heiligen Römischen Reich führte zu Grabenkämpfen zwischen den konfessionellen Lagern. Auslöser des jahrhundertelangen Disputs waren im Oktober 1517 Martin Luthers 95 Thesen über den Ablass, die er an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg schlug. Er traf einen wunden Punkt, denn auch viele Gläubige waren der Meinung, die Renaissancepäpste vernachlässigten ihr geistiges Amt, dem Klerus mangele es an theologischer Bildung und die im Land umherreisenden Ablassprediger repräsentieren eine unmoralische Finanzpolitik mit Ablässen.

Im Jahr 1812 übte auch der evangelisch-lutherische Theologe Heinrich Gustav Flörke in der Krünitzschen Enzyklopädie Kritik am Ablasshandel. Reformation definierte er als die „von der durch Luthern und seine Gehülfen geschehenen Abstellung der in die Kirche und den Lehrbegriff eingerissenen Mißbräuche und Irrthümer, welche einige im Deutschen die Glaubensverbesserung, andere aber richtiger und treffender die Glaubensreinigung nennen“. Aus lutherischen und reformierten Strömungen bildete sich daraufhin eine eigenständige evangelische Kirche heraus und begründete den christlichen Protestantismus.

Die Habsburgermonarchie strebte jedoch eine Rekatholisierung an. Ihre Gegenreformation reichte bis ins 18. Jahrhundert. Viele Kloster und Orden wurden gegründet, die Jesuiten gewannen wieder Terrain. Die Domkapitel der römisch-katholischen Kirche ernannten hauptsächlich Adlige zu Erzbischöfen und Bischöfen. Bis 1803 regierten die deutsche Reichskirche vorwiegend Fürstensöhne, Reichsritter und Alter Adel, weshalb Kritiker von einer „Adelskirche“ sprachen.

Mit Votivtafeln gegen den Teufel

Bestimmt durch das harte Leben, die geringe Lebenserwartung und die ständigen kriegerischen Handlungen hielten sich viele Menschen an der katholischen Religion fest. Der sogenannte „Barockkatholizismus“ bestimmte im 18. Jahrhundert das Alltagsleben. Die Landschaft wurde von Bildstöcken, Andachtskapellen, Heiligenfiguren und Votivtafeln geradezu übersät, aus Angst vor dem Teufel umgab man sich mit vermeintlich schützenden Devotionalien. Darüber hinaus erhofften sich Gläubige von Wallfahrten, Prozessionen und Bräuchen der Heiligenverehrung religiöse Erkenntnis, Heilung von Krankheiten und Hilfe in Notlagen.

Im Oktober 1716 entsetzte die religionskritische Lady Mary Montagu in Wien „der grobe Aberglaube des Pöbels“. Die scharfe Beobachterin berichtete: „Tag und Nacht brennen Votivkerzen vor den hölzernen Bildern, die fast an jeder Straße aufgestellt sind. Oft sehe ich Prozessionen; es ist ein Schaugepränge zum Lachen, so beleidigend und dem gesunden Menschenverstand zuwider“. Mehrere Reichsfürsten, das Stadtbürgertum und die Humanisten unterstützten die Reformbewegung, sodass sich der Staat von der Bevormundung durch die Kirche ablöste und den Spieß umdrehte: Die Kirche wurde unter staatliche Obhut gestellt.

Dies wurde insbesondere in Österreich forciert, wo Joseph II. 700-800 Klöster auflöste und Diözesen nach seinen Vorstellungen neu einteilte. Auch Reformen in manchen Hochstiften nach 1760 sowie die Abschaffung der Adelskirche und des Barockkatholizismus offenbarten eine Aufklärungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Verstärkt durch publizistische Kritik an Klosterwesen, Mönchtum und geistlichen Staaten lag hier die Grundvoraussetzung für die Trennung von Kirche und Staat in vielen Ländern.

Gott oder Mensch – wer lenkt das Weltgeschehen?

Im Jahrhundert des aufgeklärten Rationalismus wurde die Frage „Worin besteht das Wesen der Religion?“ öffentlich diskutiert. Siegmund Jacob Baumgarten führte in seiner „Geschichte der Religionspartheyen“ neben den Hauptkonfessionen der Katholiken, Lutheraner und Reformierten auch Deisten, Atheisten, Juden, Mohammedaner, Pietisten, Quäker, Rosenkreuzer und Sekten auf. Der Münchner Geistliche, Publizist und Historiker Lorenz von Westenrieder erklärte im Jahr 1780 seine Auffassung der Aufklärung: „Es heißt wegräumen die mancherlei Hüllen und Decken vor den Augen, Platz machen dem Licht in Verstand und Herz, dass es jenen erleuchte, dieser erwärme, und eintreten in die Gebiete der Wahrheit und der Ordnung, wo die Bestimmung des Menschen, die wahre Glückseligkeit thront.“

Mit dem entstehenden naturwissenschaftlichen Weltbild wurde der Glaube an ein von Gott gelenktes Schicksal der Menschen zunichtegemacht. Galileis Unterstützung des kopernikanischen Weltbildes im „Dialogo“ brachte ihm 1632 einen Häresieprozess ein. Der Naturwissenschaftler beeinflusste die aufklärerische Weltanschauung maßgeblich, obwohl er selbst tiefgläubig war. Im 18. Jahrhundert rückten die Fronten in der Vernunftreligion Deismus zusammen. Für die Deisten hatte Gott die Welt mit allen Naturgesetzen geschaffen, überließ sie aber nun dem Handeln der Menschen. Berühmte Philosophen wie Voltaire vertraten den Standpunkt, es gäbe in allen Religionen und Konfessionen einen rationalen Kern des Glaubens.

Skriblerwuth und Werther-Fieber in der Aufklärungsepoche

Das Lesen sah die Oberschicht lange als ihr Privileg an. Die Spätaufklärer bemühten sich zwar um eine allgemeine Lektüre-Fähigkeit im Sinne der Volksbelehrung, unterhalten durfte Literatur jedoch nicht. Allgemein zugängliche Schriftwerke sollten Anregungen zur Verbesserung von Sittlichkeit und Geschmack geben, doch die sogenannte „Modelektüre“ lehnten Kritiker aufgrund von fehlender Realistik ab. Es wurde insbesondere vor empfindsamen, wunderbaren, schauervollen Geschichten und Ritterromanen gewarnt.

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Vorlesung aus Goethes „Werther“, von Wilhelm Amberg, 1870

Diskussionen über das Risiko, bei „exzessivem Medienkonsum“ die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren, gibt es nicht erst seit der Verbreitung der Neuen Medien. Im Jahr 1774 brach nach dem Erscheinen von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ eine hitzige Debatte aus über die Gefährdung der Jugend durch „schöne Literatur“. Im allgemeinen „Werther-Fieber“ wurde der Rechtspraktikant Werther zur Kultfigur hochstilisiert, seine Kleidung – Weste, blauer Frack mit Messingknöpfen und runder Filzhut – kopiert. Es kam sogar vor, dass sich junge Leser das Leben nahmen – in Nachahmung des aufgrund einer unerfüllten Liebe unglücklichen Protagonisten. 

Weiterbilden statt Schmökern!

Gelehrte befürchteten, dass Bücher nur noch verschlungen, konsumiert, das Gelesene aber nicht mehr reflektiert würde. So verlöre Lesen den eigentlichen Sinn der Kultur- und Bildungsvermittlung und diene nur noch als trivialer Zeitvertreib. Es lenke die Leser ab von der ordentlichen Bewältigung ihres mühsamen, aber zur Sicherung der ökonomischen Existenz überlebenswichtigen Alltags.

Besonders „Frauenzimmer“ sah man gefährdet – sie sollten nicht lesen, sondern ihren häuslichen Pflichten nachgehen. Doch manche wagten sogar, selbstständig Texte zu verfassen oder zu übersetzen. Sie schrieben Romane, Dramen oder Reiseliteratur (z. B. Lady Montaigu), Benimmbücher, theologische Werke oder politische Traktate: Genres, die Gelehrte nicht als vollwertig ansahen.

Lektüre: Vom Gelehrtenprivileg zur Chance für Bildungshungrige

Was manche Spätaufklärer verkannten, waren die Vorteile der Literatur. Der Roman diente als Instrument, um neue Ideen unter gewöhnliche Leser zu bringen, um nützliche Informationen über eine fiktive Geschichte unterhaltsam zu vermitteln. Auch Handwerker und Gesellen interessierten sich zunehmend für das geschriebene Wort und eigneten sich auf diesem Weg theoretische Fachkenntnisse an. Produkte aus den Bereichen Literatur, Musik und Kunst waren Ende des 18. Jahrhunderts kein Vorrecht der Wohlhabenden mehr, denn Bücher und Zeitungen, Musiknoten oder Reproduktionen von Gemälden gehörten zum wachsenden Markt an Konsumgütern.

 es scheint aber, daß Leserey mehr auf bloß unterhaltende, Lectüre aber mehr auf nützliche Sachen seine Beziehung hat – Krünitz

Eine große Rolle spielte in diesem Zusammenhang auch das „Skriblerwuth“: Autoren erkannten ihr Marktpotential und reagierten auf die „Vielleserei“ mit „Vielschreiberei“. Die Nachfrage an populären Romanen konnten die Verleger zu jener Zeit kaum decken. Literatur wurde zum blühenden Geschäft, die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt verdoppelten ihre Ausstellungsflächen, und es erschien eine Flut von Neuerscheinungen: Waren es 1764 noch 5000, zählte man 1800 in Deutschland schon über 12000. In Frankreich und im britischen Nordamerika war die Entwicklung ähnlich, denn hier verdrängten die Landessprachen oft das traditionelle Latein.

Von Geldkatzen und Arbeitsbeuteln

Taschen werden heutzutage oft als Sammelobjekt für Frauen angesehen, die weniger nützlich als modisch sein müssen. Das Bayerische Nationalmuseum in München präsentierte in seiner Ausstellung „Taschen. Eine europäische Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert“ eine breite Palette von Modellen der letzten Jahrhunderte, die wichtigen Zwecken dienten.

In der Frühen Neuzeit waren Taschen gerade für Männer von großer Bedeutung. Krünitz zählt mehr als drei Dutzend Modelle auf, darunter die Tabakstasche, Wagentasche oder die Gaukeltasche für Taschenspieler. Kurfürst Maximilian I. von Bayern trug im Gelände eine kunstvoll bestickte Jägertasche am Gürtel. Brieftaschen boten Fächer „mit mehreren Tafeln Pergament zum Notiren verschiedener Gegenstände, die sowohl im Geschäftsleben, als auch auf Reisen etc. vorkommen“.

Da im Heiligen Römischen Reich jedes Territorium eigene Währungen, Münz- und Maßeinheiten besaß, fertigten Täschner spezielle Modelle für Kaufmänner an. Das Bayerische Nationalmuseum ist besonders stolz auf einen 400 Jahre alten, voluminösen Lederbeutel, der an Riemen oder Ketten um den Bauch gebunden wurde. Er ist ausgestattet mit mehreren Zugbeuteln für verschiedene Münzen.

Wer viel reiste, trug einen Geldstrumpf oder eine „Geldkatze“ dicht am Körper. Krünitz erklärte „Landleute, Schlächter und andre Leute, welche viel Geld auf Reisen bey sich führen müssen, schütten in dergleichen Beutel ihr Geld, und spannen ihn, wie einen Gürtel, um den Leib.“ Von Tirol bis in die Steiermark trugen insbesondere Bauern und Handwerker in den Jahren 1700 bis 1850 einen ledernen Ranzen, das „Reisebündel eines Wanderers zu Fuß“.

Doch nicht alle Taschen waren notwendig. Einem verführerischen Zweck dienten kleine Beutel mit duftendem Inhalt, die galante Männer ihren Verlobten als Liebesgabe schenkten. Fromme Kirchengänger trugen gerne samtene Gebetbuchtaschen an Posamentenkordeln in den Gottesdienst. Blumenkörbe, Rosen und Schleifen aus Seidentaft, Seidenklöppelspitze und -bändchen schmückten seit Ende des 17. Jahrhunderts sogenannte Arbeitsbeutel der Hausfrauen. Die flachen Zugtaschen aus Leinengewebe hielten Utensilien für Handarbeiten jederzeit bereit. Und im Rokoko verbargen Frauen aller Schichten ihre Habseligkeiten geschickt in flachen Beuteln unter den weiten Röcken.

In den höheren Schichten  avancierten Frauentaschen zu kostbaren Luxusgegenständen. Besonders raffiniert war die Sablétechnik: Winzige, sandkornkleine Glasperlen wurden auf hauchdünne Seidenfäden aufgefädelt und durch Fadenschlingen verbunden. Die Technik wurde auch für Parfumflakons, Bucheinbände oder Damenpantoffeln, für Börsen und Brieftaschen genutzt. 

Hexenjäger und Spinnen-Teufel

Das Hexenbild des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit war eine Konstruktion von Intellektuellen, die volkstümliche Zaubereitraditionen plötzlich mit dem Teufel verbanden. Im Krünitz wird Magie durch „geheime Weisheit, geheime Kunst“ oder Hexerei definiert, die übernatürliche Kräfte hervorbrächten: „Bey jener ließen sich die wunderbar scheinenden Wirkungen aus Gesetzen der Natur ableiten, bey dieser aber sollten Geister mit wirken.“ Je nachdem, ob die Geister gut oder böse waren, unterschied das Strafrecht frühmoderner Staaten „schwarze und weiße, oder sträfliche und unschuldige“ Magie.

In einer von alltäglichem Elend, Kriegen, regionalen Missernten und Krisen gequälten Epoche suchten breite Bevölkerungskreise nach Sündenböcken, sodass Hexenverfolgungen aktiv wie auch gegen den Willen der Obrigkeit praktiziert wurden. Etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderten die Hexenprozesse in ganz Europa, fast die Hälfte davon im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Johann Georg Krünitz schrieb 1781: „Schrecken überfällt mich, wenn ich einen Blick auf jene Zeiten werfe, wo man durch Morden und Brennen die Länder entvölkerte, weil man die ungegründetesten Anklagen gegen Zauberer und Hexen theils durch Zwangsmittel, theils durch Geburten der Phantasie, dieser Erz=Betriegerinn, rechtskräftig machte.“ Er beschrieb die „abgeschmacktesten Meinungen“ der „Hexen-Entdecker“, die für ein Kopfgeld unschuldige Frauen aufgriffen: „so fand man auch recht sinnlich Teufel und Geister; und sollten es auch Spinnen und Fliegen seyn, welche die dienstfertige Einbildungskraft zu Teufeln umschuf“.

Warten auf Beelzebub

Um festzustellen, ob es sich um eine Hexe handele, sperrten die Peiniger ihr Opfer 24 Stunden lang gefesselt in einen Raum. Sie ließen ein Loch in der Tür, „um den Teufeln nicht allen Zugang zu verschliessen“ und warteten auf „eine sichtbare Erscheinung der den Hexen zugethanen behülflichen Schutzgeister oder Teufel, welche, wie dieses der damahlige Glaube war, ihnen Blut aussaugen würden“. Absurderweise sahen sie den Beelzebub und böse Geister in Spinnen- oder Fliegengestalt. Fand man auch nach dem Ausfegen der Räume noch eines dieser Tiere, „so mußte solche der Schutzgeist (Spiritus familiaris) oder zugeordnete Teufel der Hexe seyn“. Was man den vermeintlichen Hexen, Zauberern oder „Hexenkindern“ nach einer Verurteilung antat, ist mit Worten nicht zu beschreiben und an Grausamkeit nicht zu übertreffen.

Der Enzyklopädist Krünitz kannte seine Zeitgenossen und wusste, dass „das Vorurtheil für die Hexen noch nagelfest in dem Herzen des Pöbels sitzt“. Er drückte sein Entsetzen darüber aus, dass 1749 eine Frau in Würzburg verbrannt wurde, und hoffte, dass sie „das letzte Opfer des blinden Aberglaubens gewesen“, und dass „die vermeintlichen Zauberer und Hexen, so wie die so genannten Ketzer, das Glück haben werden, auf ihrem Bette sterben zu können“.

Späte Hexenprozesse

Krünitz‘ Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Im deutschsprachigen Raum wurden noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Frauen als „Hexen“ verbrannt. Im Jahr 1751 fand Anna Schnidenwind in Endingen am Kaiserstuhl einen gewaltsamen Tod. In Landshut wurde 1756 die 15-jährige Veronika Zeritschin enthauptet und als Hexe verbrannt. Der vermutlich letzte Hexenprozess mit tödlichem Ausgang fand 1782 ausgerechnet im reformierten Kanton Glarus statt. Die Hinrichtung der „Schweizer Hexe“ Anna Göldi rief europaweit Empörung hervor. Die erwähnten Frauen waren überwiegend Dienstmägde ohne Rückhalt ihrer „Herren“.

Hexenverfolgungen fanden in Mitteleuropa vor allem während der Frühen Neuzeit statt. Aus globaler Perspektive verbreiten Hexenjäger aber bis heute Angst und Schrecken, insbesondere in Afrika, Südostasien und Südamerika. Die Ursachen ähneln den damaligen: Armut, Not, Epidemien und mangelnde Bildung. Und auch die Opfer sind die Schwächsten in der Gesellschaft: Frauen, Alte, Kranke, Außenseiter, ja sogar Kinder, die sogenannten „Hexenkinder“ in afrikanischen Ländern.

Von „Frauenzimmern“ und Enzyklopädisten

Wie der Enzyklopädist Johann Georg Krünitz in der Frühen Neuzeit Frauen beschrieb und definierte, ist im Nachhinein amüsant zu lesen, daher führe ich hier viele Originalzitate an. Den Band 14 seiner insgesamt 242 Bände umfassenden Oeconomischen Encyclopädie publizierte er im Jahr 1778.  Er ging der Frage nach, „ob die Natur dem Frauenzimmer eben so viel Stärke des Leibes und der Seele ertheilt habe, als dem männlichen Geschlechte?“, und welche „Freyheit der Frauenzimmer in Ansehung der männlichen Gesellschaft“ zukommen solle.

„Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen“

Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern vertrat er relativ liberale Positionen. Er traute ihnen viel zu: „Man laße sie wie Männer arbeiten, und sie werden Stärke genug finden, die Herrschaft der Welt mit ihnen zu theilen.“ Fast gewinnt man den Eindruck, hier vertrete er moderne Ansichten und sei seiner Zeit weit voraus: „Dennoch sind sie eben so fähig, wie die Manns=Personen zu denken und zu handeln; aber sie müßten ihren gewöhnlichen leeren Beschäftigungen und Zeitvertreiben entsagen, ihren Verstand üben, und sich zu ernsthaften Arbeiten geschickt machen. Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen, in welchem man sie bisher eingeschlossen gehalten, und sich nicht vor dem Lächerlichen fürchten, womit sie neidische Frauen, oder Männer, welche ihre Verdienste nicht einsehen können, so gern demüthigen wollten.“

Frauen als „Zierde und Vergnügen der Gesellschaft“

Bei allem Respekt sollten Männer aber als „wahre unumschränkte Herren“ die Oberhand behalten, denn zum weiblichen Verstand könne „nichts Männliches und Großes Zugang erhalten, das viel Größe und Stärke des Geistes erfordert“. Die Rolle der Frau war also doch klar: „Sie nehmen also nur den zweyten Rang ein, und sind zufrieden, daß sie die Zierde und das Vergnügen der Gesellschaft ausmachen.“ Krünitz sorgte sich hingegen tatsächlich um die Zukunft der Männer. Er befürchtete, die „Leidenschaften der Mannspersonen“ seien „durch den Umgang mit dem Frauenzimmer ausgerottet oder wenigstens gemildert worden“, ihre „anderen Seelenkräfte“ seien durch den Umgang mit ihnen „zärtlicher, sanfter, und, mit Einem Worte, menschlicher geworden“. Würde „der männliche Character von seinem Eigenthümlichen nicht zu viel verlieren? Sollten große und wichtige Geschäfte durch die Begierde, so viel Zeit als möglich, bey der schönen Hälfte des menschlichen Geschlechts zu zubringen, nicht eine merkliche Vernachläßigung erleiden?“ Der Enzyklopädist scheute ein persönliches Fazit: „Ich getraue mir nicht, diese Fragen vollkommen zu entscheiden.“

Die Frauen „ziehen und regieren“

Im frühen 18. Jahrhundert spielten Frauen eine wichtige Rolle im Familienleben, es gab keine Trennung von Hausarbeit und Erwerbstätigkeit. Frauen kümmerten sich um ökonomische Belange und packten im Betrieb und auf Feldern als kompetente „Gehülfinnen“ mit an. Sie verkauften eigene Ware, zum Beispiel als Korsett-, Band- oder Handschuhmacherinnen. Nicht umsonst warben junge Handwerker um reiche Meistertöchter oder Witwen erfolgreicher Unternehmer. Man erwartete, dass die Handwerksfrau sich „in den Kram und in das Handwerk ihres Mannes zu schicken wisse, und entweder einiges mit arbeite, oder doch die Ware geschickt und mit Nutzen verkaufen lerne.“ Sie sollte „gelehrig, etwas gesprächig, klug und witzig“ sein, unterrichtet im Rechnen und Schreiben – und vermögend! – sein.“ Das Dilemma war hierbei, dass „die wenigsten Männer die seltene Klugheit besitzen, eine Frau erst zu ziehen, die sich nicht selbst zieht, und sie zu regieren, die sich nicht leicht will regieren laßen.“ Was also tun? „Wie ein Handwerksmann eine solche Frau klüglich erlangen könne, das ist noch ein schwerer Punct.“

„Die zweite Hälfte des Menschengeschlechts“

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts forderten Aufklärer in zahlreichen pädagogischen Schriften eine spezifische weibliche Ausbildung, die auf praktische Vernunft zielte und die Frau auf ihre Funktion als fürsorgliche Gattin und Mutter reduzierte. Sozialpolitiker behaupteten, Eigenschaften wie Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit, Einfühlsamkeit, Emotionalität und Sittsamkeit seien tief in der weiblichen Psyche verankert. Das Stichwort „Weib“ wurde 1856 von Carl Otto Hoffmann erarbeitet. Er reduzierte es auf die „zweite Hälfte des Menschengeschlechts, welches dazu bestimmt ist, durch das Gebären der Kinder nach erfolgter Zeugung durch die Begattung das Geschlecht der Menschen fortzupflanzen.“ Offensichtlich wird auch die Beschränkung auf Haus und Hof. „Weibliche Arbeiten“ umfasste als eigenständiger Eintrag Stricken, Nähen, Sticken, Tambouriren, Zuschneiden und Kleidermachen. Unter „Weiblichkeit“ findet man unter anderem die Definition „weibliche Schwachheit und Fehler“. Interessant ist auch der Begriff „Weiberlist: die dem weiblichen Geschlechte eigenthümliche Neigung zu einem listigen Verfahren und die Geschicklichkeit darin; sie ist begründet in der leichten Auffassungsgabe des weiblichen Geschlechts und wird befördert durch das Gefühl der Schwäche.“