Das Heilige Römische Reich deutscher Nation

Das Heilige Römische Reich im Jahr 1789
Das Heilige Römische Reich im Jahr 1789

Das vom Jahre 962 bis 1806 existierende Heilige Römische Reich deutscher Nation war ein aus weit über 300 unterschiedlich großen Territorialstaaten, halbautonomen Gebieten und Reichsstädten gebildeter Staatenbund. Im Süden reichte er zeitweise bis nach Italien und Dalmatien, im Osten grenzte er an Ungarn und Polen. Im Westen reichte der Bund bis zur französischen Grenze, im Norden war er von Ost- und Nordsee eingeschlossen. In Fortsetzung der Tradition des antiken Römischen Reiches wollten die mittelalterlichen Regenten so die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne legitimieren.

Wie seine Vorgänger wurde auch der letzte Kaiser, Franz II. (er regierte 1792 bis 1806; von 1804 bis 1835 war er der erste Kaiser Österreichs), in Wien von den Kurfürsten gewählt. Diese machten das Reich als Ganzes mit ihren unterschiedlichen Gesetzgebungen, Religions- und Militärhoheiten quasi unregierbar und unberechenbar. Auch wichtige ökonomische Entscheidungen über Zollbestimmungen, Gewichtsordnungen und Münzrechte fällten die  Regenten selbstständig und lagen in ständigem Wettstreit. Unklarheiten, Streitigkeiten und langsame Kommunikationswege behinderten sowohl den sozialen Wandel als auch den ökonomischen Aufschwung.

Weder heilig, noch römisch, noch Reich

Viele Intellektuelle empfanden das bunte Konglomerat aus Fürsten- und Herzogtümern, Grafschaften, Reichsrittern, Markgraftümern und -schaften, Hochstiften, Reichsstädten, Fürstbistümern, Fürstpropsteien usw. als einen Anachronismus. Voltaire erkannte die eigentliche Problematik des janusköpfigen Gebildes: „Dieser Korpus, der sich immer noch Heiliges Römisches Reich nennt, ist in keiner Weise heilig, noch römisch, noch ein Reich.“ Es hatte keinen geistlichen, sondern einen weltlichen Führer, die Bevölkerung war zu großen Teilen nicht römischer, sondern germanischer Herkunft und es war weniger ein imperialistisches Großreich als ein Staatenbund.

Der 25-jährige Kaiser Franz II. nach seiner Krönung 1792
Der 25-jährige Kaiser Franz II. nach seiner Krönung 1792

Vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), in dem durch Schlachten, Seuchen und Hunger ganze Regionen entvölkert wurden – in Teilen Süddeutschlands überlebte nur ein Drittel diese Zeit – sollte das Reich für Ruhe, Stabilität und Frieden sorgen. Fortschrittliche Entwicklungen vollzogen sich noch am ehesten in großen Territorien mit wichtigen wirtschaftlichen Ressourcen wie Preußen, Sachsen oder Kurhannover. Sie verfügten über die besten Voraussetzungen für ein verbessertes Bildungssystem und Gebietsvergrößerungen durch Kriege wie z. B. den Siebenjährigen Krieg (1756-1763). In kleinen Territorien ruinierte der Landesherr die Finanzen oft dadurch, dass er den Prunk der großen Höfe wie Versailles nachahmen wollte.

Napoléon Bonapartes Rheinbund: ein Militärbündnis

Im Jahr 1806 schlossen sich 16 deutsche Fürstentümer zum „Rheinbund“ zusammen und sagten sich damit vom Reich los. Zwei Jahre später kamen 20 weitere Staaten hinzu. In erster Linie war dieser Bund jedoch lediglich ein Militärbündnis mit Frankreich, abhängig von Napoléon Bonapartes Plänen. Dieser drängte Franz II. erfolgreich dazu, das Reich als Ganzes eigenmächtig aufzulösen – ohne Zustimmung des Reichstages. Napoléon musste den Rheinbund 1813 auflösen und wurde am 30. Mai 1814 nach zahlreichen Kriegen gestürzt. Auf dem Wiener Kongress (18.9. 1814 – 9.6. 1815) entstand eine neue territoriale Aufteilung Europas. Die deutschsprachigen Einzelstaaten schlossen sich zum Deutschen Bund zusammen. Franz II. spielte noch immer eine große Rolle – bis 1866 führte Österreich den Deutschen Bund als Präsidialmacht.

Mit Geistern gegen die Aufklärung: Geheimbünde im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert zeigte sich, dass auch (oder gerade?) in einer aufgeklärten Atmosphäre Platz für Geheimnisse ist. Während die Kirche in der Bevölkerung insgesamt an Rückhalt verlor, entstanden kleine Gruppen fanatischer Aktivisten. Nicht zuletzt die Langeweile des begüterten, nicht arbeitenden Adels begünstigte ein Verlangen nach nicht rational zu erklärenden Begebenheiten und geheimen Ritualen, bis hin zur Geisterbeschwörung und zum Wunderglauben. Quacksalber und Wunderdoktoren mit Elektrisiermaschinen stießen vielerorts auf ernsthaftes Interesse. Der deutsche Arzt und Philosoph Marcus Herz berichtete in der „Berliner Monatsschrift“ von einem Handwerker, dessen ominöse „Mondheilungen“ in höheren Bevölkerungsschichten besonders gefragt waren.

Symbol der Rosenkreuzer
Symbol der Rosenkreuzer

Viele Prominente der Zeit wie Diderot, Beaumarchais, La Fayette oder Danton in Frankreich, Washington und Franklin in den USA, Haydn und Mozart in Österreich sowie Goethe, Herder, Wieland und Lessing in deutschen Landen schlossen sich sogenannten Geheimgesellschaften an. Im Gegensatz zu dem teilweise öffentlich agierenden Bund der Freimaurer oder der harmlosen, 1738 von einem exklusiven Zirkel bürgerlicher oder neuadeliger Publizisten, Beamten und Theologen gegründeten Berliner Mittwochsgesellschaft, hielten sich Männerbünde wie die Illuminaten oder die Rosenkreuzer im Hintergrund. 

Alchemie und Magie der Rosenkreuzer

Die Rosenkreuzerbewegung trat erstmals im 17. Jahrhundert innerhalb des deutschen Protestantismus hervor und strebte nichts weniger an als eine Erneuerung von Kirche, Staat und Gesellschaft auf der Basis einer Harmonie von Naturwissenschaften und christlichem Glauben durch eine geheime Bruderschaft. Sie wirkte von Berlin aus und zählte zu ihren Mitgliedern eine Reihe Hochadeliger und bedeutende Politiker wie Friedrich Wilhelm II. und dessen Minister Wöllner. Einzelne Zirkel befassten sich mit Kabbala, Alchemie und Magie. Ihr Weltbild war eindeutig antiaufklärerisch geprägt: Sie wollten die Welt nicht durch Vernunft und Naturgesetze erklären, sondern mit unsichtbaren Geisterphänomenen.

Von Adam Weishaupt bis Dan Brown: Die Illuminaten

Der 1776 vom Ingolstädter Professor für praktische Philosophie und Kirchenrecht Adam Weishaupt gegründete Geheimbund der „Erleuchteten“ existierte von 1776 bis zu ihrem Verbot im Kurfürstentum Bayern. Weishaupt wollte durch Aufklärung und sittliche Verbesserung den Despotismus bzw. die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig machen. Seine Ziele teilten zeitweise bis zu 2000 Mitglieder in 70 Reichsstädten. Zu den berühmtesten zählten Goethe, Herder, der Weimarer Herzog Carl August, Friedrich Nicolai, Adolph von Knigge sowie Friedrich Jacobi. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um den Orden, 2009 verstärkt durch Dan Browns Roman „Illuminati“.

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Die Pyramide der Illuminaten

Ihr hochgestecktes Ziel, die intellektuelle und politische Elite der Gesellschaft zu bilden, erreichten die Illuminaten nie. Durch gegenseitige Bespitzelung und Geheimhaltung der Ordensziele zerstörte der Orden sich im Laufe der Zeit von innen. Denunziationen ehemaliger Mitglieder in Bayern zogen ab 1784 Hausdurchsuchungen bei aktiven Illuminaten nach sich, und Funde von Giftrezepten, Schriften über Selbstmord und Briefe, die Weishaupt diffamierten, läuteten das Ende des Geheimbundes ein. Ihm wurden außerdem umstürzlerische Aktivitäten gegen Fürsten und sogar die Auslösung der französischen Revolution vorgeworfen. Dabei beschränkten sich die Ordensaktivitäten hauptsächlich auf wissenschaftliche und sittliche Verbesserungsmaßnahmen. Versuche der Einmischung in die bayerische Politik waren die Ausnahme.

Von Geldkatzen und Arbeitsbeuteln

Taschen werden heutzutage oft als Sammelobjekt für Frauen angesehen, die weniger nützlich als modisch sein müssen. Das Bayerische Nationalmuseum in München präsentierte in seiner Ausstellung „Taschen. Eine europäische Kulturgeschichte vom 16. bis 21. Jahrhundert“ eine breite Palette von Modellen der letzten Jahrhunderte, die wichtigen Zwecken dienten.

In der Frühen Neuzeit waren Taschen gerade für Männer von großer Bedeutung. Krünitz zählt mehr als drei Dutzend Modelle auf, darunter die Tabakstasche, Wagentasche oder die Gaukeltasche für Taschenspieler. Kurfürst Maximilian I. von Bayern trug im Gelände eine kunstvoll bestickte Jägertasche am Gürtel. Brieftaschen boten Fächer „mit mehreren Tafeln Pergament zum Notiren verschiedener Gegenstände, die sowohl im Geschäftsleben, als auch auf Reisen etc. vorkommen“.

Da im Heiligen Römischen Reich jedes Territorium eigene Währungen, Münz- und Maßeinheiten besaß, fertigten Täschner spezielle Modelle für Kaufmänner an. Das Bayerische Nationalmuseum ist besonders stolz auf einen 400 Jahre alten, voluminösen Lederbeutel, der an Riemen oder Ketten um den Bauch gebunden wurde. Er ist ausgestattet mit mehreren Zugbeuteln für verschiedene Münzen.

Wer viel reiste, trug einen Geldstrumpf oder eine „Geldkatze“ dicht am Körper. Krünitz erklärte „Landleute, Schlächter und andre Leute, welche viel Geld auf Reisen bey sich führen müssen, schütten in dergleichen Beutel ihr Geld, und spannen ihn, wie einen Gürtel, um den Leib.“ Von Tirol bis in die Steiermark trugen insbesondere Bauern und Handwerker in den Jahren 1700 bis 1850 einen ledernen Ranzen, das „Reisebündel eines Wanderers zu Fuß“.

Doch nicht alle Taschen waren notwendig. Einem verführerischen Zweck dienten kleine Beutel mit duftendem Inhalt, die galante Männer ihren Verlobten als Liebesgabe schenkten. Fromme Kirchengänger trugen gerne samtene Gebetbuchtaschen an Posamentenkordeln in den Gottesdienst. Blumenkörbe, Rosen und Schleifen aus Seidentaft, Seidenklöppelspitze und -bändchen schmückten seit Ende des 17. Jahrhunderts sogenannte Arbeitsbeutel der Hausfrauen. Die flachen Zugtaschen aus Leinengewebe hielten Utensilien für Handarbeiten jederzeit bereit. Und im Rokoko verbargen Frauen aller Schichten ihre Habseligkeiten geschickt in flachen Beuteln unter den weiten Röcken.

In den höheren Schichten  avancierten Frauentaschen zu kostbaren Luxusgegenständen. Besonders raffiniert war die Sablétechnik: Winzige, sandkornkleine Glasperlen wurden auf hauchdünne Seidenfäden aufgefädelt und durch Fadenschlingen verbunden. Die Technik wurde auch für Parfumflakons, Bucheinbände oder Damenpantoffeln, für Börsen und Brieftaschen genutzt. 

Hexenjäger und Spinnen-Teufel

Das Hexenbild des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit war eine Konstruktion von Intellektuellen, die volkstümliche Zaubereitraditionen plötzlich mit dem Teufel verbanden. Im Krünitz wird Magie durch „geheime Weisheit, geheime Kunst“ oder Hexerei definiert, die übernatürliche Kräfte hervorbrächten: „Bey jener ließen sich die wunderbar scheinenden Wirkungen aus Gesetzen der Natur ableiten, bey dieser aber sollten Geister mit wirken.“ Je nachdem, ob die Geister gut oder böse waren, unterschied das Strafrecht frühmoderner Staaten „schwarze und weiße, oder sträfliche und unschuldige“ Magie.

In einer von alltäglichem Elend, Kriegen, regionalen Missernten und Krisen gequälten Epoche suchten breite Bevölkerungskreise nach Sündenböcken, sodass Hexenverfolgungen aktiv wie auch gegen den Willen der Obrigkeit praktiziert wurden. Etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderten die Hexenprozesse in ganz Europa, fast die Hälfte davon im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Johann Georg Krünitz schrieb 1781: „Schrecken überfällt mich, wenn ich einen Blick auf jene Zeiten werfe, wo man durch Morden und Brennen die Länder entvölkerte, weil man die ungegründetesten Anklagen gegen Zauberer und Hexen theils durch Zwangsmittel, theils durch Geburten der Phantasie, dieser Erz=Betriegerinn, rechtskräftig machte.“ Er beschrieb die „abgeschmacktesten Meinungen“ der „Hexen-Entdecker“, die für ein Kopfgeld unschuldige Frauen aufgriffen: „so fand man auch recht sinnlich Teufel und Geister; und sollten es auch Spinnen und Fliegen seyn, welche die dienstfertige Einbildungskraft zu Teufeln umschuf“.

Warten auf Beelzebub

Um festzustellen, ob es sich um eine Hexe handele, sperrten die Peiniger ihr Opfer 24 Stunden lang gefesselt in einen Raum. Sie ließen ein Loch in der Tür, „um den Teufeln nicht allen Zugang zu verschliessen“ und warteten auf „eine sichtbare Erscheinung der den Hexen zugethanen behülflichen Schutzgeister oder Teufel, welche, wie dieses der damahlige Glaube war, ihnen Blut aussaugen würden“. Absurderweise sahen sie den Beelzebub und böse Geister in Spinnen- oder Fliegengestalt. Fand man auch nach dem Ausfegen der Räume noch eines dieser Tiere, „so mußte solche der Schutzgeist (Spiritus familiaris) oder zugeordnete Teufel der Hexe seyn“. Was man den vermeintlichen Hexen, Zauberern oder „Hexenkindern“ nach einer Verurteilung antat, ist mit Worten nicht zu beschreiben und an Grausamkeit nicht zu übertreffen.

Der Enzyklopädist Krünitz kannte seine Zeitgenossen und wusste, dass „das Vorurtheil für die Hexen noch nagelfest in dem Herzen des Pöbels sitzt“. Er drückte sein Entsetzen darüber aus, dass 1749 eine Frau in Würzburg verbrannt wurde, und hoffte, dass sie „das letzte Opfer des blinden Aberglaubens gewesen“, und dass „die vermeintlichen Zauberer und Hexen, so wie die so genannten Ketzer, das Glück haben werden, auf ihrem Bette sterben zu können“.

Späte Hexenprozesse

Krünitz‘ Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Im deutschsprachigen Raum wurden noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Frauen als „Hexen“ verbrannt. Im Jahr 1751 fand Anna Schnidenwind in Endingen am Kaiserstuhl einen gewaltsamen Tod. In Landshut wurde 1756 die 15-jährige Veronika Zeritschin enthauptet und als Hexe verbrannt. Der vermutlich letzte Hexenprozess mit tödlichem Ausgang fand 1782 ausgerechnet im reformierten Kanton Glarus statt. Die Hinrichtung der „Schweizer Hexe“ Anna Göldi rief europaweit Empörung hervor. Die erwähnten Frauen waren überwiegend Dienstmägde ohne Rückhalt ihrer „Herren“.

Hexenverfolgungen fanden in Mitteleuropa vor allem während der Frühen Neuzeit statt. Aus globaler Perspektive verbreiten Hexenjäger aber bis heute Angst und Schrecken, insbesondere in Afrika, Südostasien und Südamerika. Die Ursachen ähneln den damaligen: Armut, Not, Epidemien und mangelnde Bildung. Und auch die Opfer sind die Schwächsten in der Gesellschaft: Frauen, Alte, Kranke, Außenseiter, ja sogar Kinder, die sogenannten „Hexenkinder“ in afrikanischen Ländern.

Von „Frauenzimmern“ und Enzyklopädisten

Wie der Enzyklopädist Johann Georg Krünitz in der Frühen Neuzeit Frauen beschrieb und definierte, ist im Nachhinein amüsant zu lesen, daher führe ich hier viele Originalzitate an. Den Band 14 seiner insgesamt 242 Bände umfassenden Oeconomischen Encyclopädie publizierte er im Jahr 1778.  Er ging der Frage nach, „ob die Natur dem Frauenzimmer eben so viel Stärke des Leibes und der Seele ertheilt habe, als dem männlichen Geschlechte?“, und welche „Freyheit der Frauenzimmer in Ansehung der männlichen Gesellschaft“ zukommen solle.

„Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen“

Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern vertrat er relativ liberale Positionen. Er traute ihnen viel zu: „Man laße sie wie Männer arbeiten, und sie werden Stärke genug finden, die Herrschaft der Welt mit ihnen zu theilen.“ Fast gewinnt man den Eindruck, hier vertrete er moderne Ansichten und sei seiner Zeit weit voraus: „Dennoch sind sie eben so fähig, wie die Manns=Personen zu denken und zu handeln; aber sie müßten ihren gewöhnlichen leeren Beschäftigungen und Zeitvertreiben entsagen, ihren Verstand üben, und sich zu ernsthaften Arbeiten geschickt machen. Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen, in welchem man sie bisher eingeschlossen gehalten, und sich nicht vor dem Lächerlichen fürchten, womit sie neidische Frauen, oder Männer, welche ihre Verdienste nicht einsehen können, so gern demüthigen wollten.“

Frauen als „Zierde und Vergnügen der Gesellschaft“

Bei allem Respekt sollten Männer aber als „wahre unumschränkte Herren“ die Oberhand behalten, denn zum weiblichen Verstand könne „nichts Männliches und Großes Zugang erhalten, das viel Größe und Stärke des Geistes erfordert“. Die Rolle der Frau war also doch klar: „Sie nehmen also nur den zweyten Rang ein, und sind zufrieden, daß sie die Zierde und das Vergnügen der Gesellschaft ausmachen.“ Krünitz sorgte sich hingegen tatsächlich um die Zukunft der Männer. Er befürchtete, die „Leidenschaften der Mannspersonen“ seien „durch den Umgang mit dem Frauenzimmer ausgerottet oder wenigstens gemildert worden“, ihre „anderen Seelenkräfte“ seien durch den Umgang mit ihnen „zärtlicher, sanfter, und, mit Einem Worte, menschlicher geworden“. Würde „der männliche Character von seinem Eigenthümlichen nicht zu viel verlieren? Sollten große und wichtige Geschäfte durch die Begierde, so viel Zeit als möglich, bey der schönen Hälfte des menschlichen Geschlechts zu zubringen, nicht eine merkliche Vernachläßigung erleiden?“ Der Enzyklopädist scheute ein persönliches Fazit: „Ich getraue mir nicht, diese Fragen vollkommen zu entscheiden.“

Die Frauen „ziehen und regieren“

Im frühen 18. Jahrhundert spielten Frauen eine wichtige Rolle im Familienleben, es gab keine Trennung von Hausarbeit und Erwerbstätigkeit. Frauen kümmerten sich um ökonomische Belange und packten im Betrieb und auf Feldern als kompetente „Gehülfinnen“ mit an. Sie verkauften eigene Ware, zum Beispiel als Korsett-, Band- oder Handschuhmacherinnen. Nicht umsonst warben junge Handwerker um reiche Meistertöchter oder Witwen erfolgreicher Unternehmer. Man erwartete, dass die Handwerksfrau sich „in den Kram und in das Handwerk ihres Mannes zu schicken wisse, und entweder einiges mit arbeite, oder doch die Ware geschickt und mit Nutzen verkaufen lerne.“ Sie sollte „gelehrig, etwas gesprächig, klug und witzig“ sein, unterrichtet im Rechnen und Schreiben – und vermögend! – sein.“ Das Dilemma war hierbei, dass „die wenigsten Männer die seltene Klugheit besitzen, eine Frau erst zu ziehen, die sich nicht selbst zieht, und sie zu regieren, die sich nicht leicht will regieren laßen.“ Was also tun? „Wie ein Handwerksmann eine solche Frau klüglich erlangen könne, das ist noch ein schwerer Punct.“

„Die zweite Hälfte des Menschengeschlechts“

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts forderten Aufklärer in zahlreichen pädagogischen Schriften eine spezifische weibliche Ausbildung, die auf praktische Vernunft zielte und die Frau auf ihre Funktion als fürsorgliche Gattin und Mutter reduzierte. Sozialpolitiker behaupteten, Eigenschaften wie Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit, Einfühlsamkeit, Emotionalität und Sittsamkeit seien tief in der weiblichen Psyche verankert. Das Stichwort „Weib“ wurde 1856 von Carl Otto Hoffmann erarbeitet. Er reduzierte es auf die „zweite Hälfte des Menschengeschlechts, welches dazu bestimmt ist, durch das Gebären der Kinder nach erfolgter Zeugung durch die Begattung das Geschlecht der Menschen fortzupflanzen.“ Offensichtlich wird auch die Beschränkung auf Haus und Hof. „Weibliche Arbeiten“ umfasste als eigenständiger Eintrag Stricken, Nähen, Sticken, Tambouriren, Zuschneiden und Kleidermachen. Unter „Weiblichkeit“ findet man unter anderem die Definition „weibliche Schwachheit und Fehler“. Interessant ist auch der Begriff „Weiberlist: die dem weiblichen Geschlechte eigenthümliche Neigung zu einem listigen Verfahren und die Geschicklichkeit darin; sie ist begründet in der leichten Auffassungsgabe des weiblichen Geschlechts und wird befördert durch das Gefühl der Schwäche.“

„Du, glückliches Österreich, heirate!“ – Maria Theresias Einfluss in Europa

Maria Theresia von Österreich (1717-1780) war die einzige Frau, die jemals an der Spitze des Hauses Habsburg stand und zählt zu den einflussreichsten und bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte. Sie nahm den Titel ihres 1745 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönten Gatten Franz I. Stephan an. Obwohl sie nie gekrönt wurde, nannte man die Frau, die Österreichs Regierungsgeschäfte führte, Kaiserin. Sie war jedoch zugleich die Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen sowie die Gräfin von Tirol.

Kaiserin Maria Theresia, Gemälde von Martin van Meytens, um 1752
Kaiserin Maria Theresia, Gemälde von Martin van Meytens, um 1752

„Die Erste Dame Europas“ regierte mit einer Mischung aus schlauem Kalkül, gesundem Menschenverstand und der Gabe, Menschen zusammenzubringen. Getreu dem traditionellem Habsburg-Motto „Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube“ („Kriege mögen die anderen führen, du, glückliches Österreich, heirate“), hat sie ihre 16 Kinder taktisch klug in ganz Europa verheiratet und damit die Geschicke zahlreicher Herrscherhäuser beeinflusst, darunter Parma, Neapel oder Frankreich. Die Dynastien Bourbon und Habsburg vereinten sich, um gegen die gemeinsamen Feinde Preußen und England anzutreten. Nach dem Tod ihres Mannes (1765) ernannte Maria Theresia ihren 24-jährigen Sohn Joseph offiziell als Mitregenten, vertraute ihm jedoch lediglich die Heeresreform an.

Mit Königin Maria Theresia ging ein tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Wandel einher. Sie nahm Neuerungen in Staat und Gesellschaft in Angriff, da der österreichische Erbfolgekrieg das Land im Vergleich zu anderen Staaten zurückgeworfen hatte. Umgeben von qualifizierten Beratern wie dem Kanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz und Friedrich Wilhelm Graf Haugwitz, führte sie etliche Reformen ein, unter anderem auf den Gebieten Wirtschaft, Bildung, Münzwesen und Verfassung. So verabschiedete sie 1774 die Schulverordnung, zügelte die Macht der Jesuiten im Bildungssystem und ließ dieses mit Hilfe von Pädagogen wie J. A. Felbiger umordnen.

Kulturelle Toleranz und Freiheit

Es entstand ein zentralistischer Einheitsstaat mit einem mächtigen Staatsbeamtentum und für einen aufgeklärten Absolutismus typische Veränderungen. Carl Ramshorn schrieb in „Maria Theresia und ihre Zeit“ im Jahr 1861, es sei ihre Absicht gewesen, „vor allem die Gerichtsbarkeit und die höhere Polizei nach und nach in die Hände der Regierung zu bringen“ und  „in das vielgestaltete Gemeindeleben in den verschiedenen Theilen der Monarchie eine größere Gleichmäßigkeit zu bringen und dasselbe den Bedürfnissen, Bestrebungen und Ansichten der Zeit mehr und mehr konform zu machen“. Kulturell sehr offen und interessiert, tolerierte Maria Theresia außerdem eine lebendige Publizistik. Von einer gelockerten Zensur profitierten literarisch, wissenschaftlich, praktisch-ökonomisch und philosophisch-ethisch orientierte Aufklärungsgesellschaften.

Grundlegende Änderungen im Strafrecht waren die Einschränkung der Todesstrafe und die Abschaffung der Folter 1776. Dies war auch das Verdienst des Wiener Regierungsrates Joseph von Sonnenfels‘, der in seiner Schrift „Über die Abschaffung der Tortur“ fragt: „Wenn die Untersuchung durch die Folter weder dem Richter die Zuverlässigkeit gewähret, welche in peinlichen Verurtheilungen nothwendig ist; wenn sie nicht einmal nur die Wahrscheinlichkeit gegen den Beschuldigten vergrössert; wenn sie zur Verurtheilung überflüssig ist, da ein in Verdacht genommener, auch ohne zum Bekenntnisse gebracht zu seyn, dennoch gesstraft werden kann“ – ist die Folter dann sinnvoll? Stattdessen sollten Verbrecher dem Allgemeinwohl dienen und in der Strafanstalt zu besseren, in die Gesellschaft integrierbaren, Menschen erzogen werden.

Für mehr Gerechtigkeit und Freiheit ihrer Untertanen führten die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung von Adelsprivilegien, religiöse Toleranz und staatliche Wohlfahrt. Der Thronnachfolger Joseph II. setzte nach 1780 weitere aufklärerische Reformen in Gang. Revolutionär waren seine Säkularisierungsmaßnahmen: Alle Orden, die im volkswirtschaftlichen Sinne unproduktiv waren, also keine Krankenpflege, Schulen oder andere soziale Aktivitäten betrieben, wurden aufgehoben, ihr Besitz verstaatlicht. In den Jahren 1781/82 waren das 700 Klöster.

Der Dollar des 18. Jahrhunderts

Auch am anderen Ende der Welt erkannten viele Menschen das Abbild der österreichischen Kaiserin – auf Münzen. Der Maria-Theresia-Taler wurde seit der im September 1753 mit dem Kurfürsten von Bayern abgeschlossenen Münzkonvention verwendet. Seit dem Tod Maria Theresias im Jahr 1780 wird der Taler mit Jahreszahl 1780 als Handelsmünze nachgeprägt. Aber er wurde nicht nur innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation geprägt, etwa in Karlsburg, Mailand, Prag oder Venedig, sondern auch außerhalb, in Birmingham, Bombay, Brüssel,  Paris, oder Utrecht. Der Taler war bis zum Jahr 1858 gesetzliches Zahlungsmittel im Kaiserreich Österreich. Bis weit ins 20. Jahrhundert war er jedoch auch als äußerst zuverlässiges Zahlungsmittel in weiten Teilen Afrikas und Asiens bis in den indischen Raum hinein im Gebrauch – der Dollar des 18. Jahrhunderts!

Josephs II. Lieblingsprojekt: Das Gesundheitswesen

Die Rolle der Krankenhäuser änderte sich im 18. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich grundlegend. Bis dahin hatten die Kirche und pflegende Orden sich für arme Menschen verantwortlich gezeigt. Im Geiste der Aufklärung war das öffentliche Gesundheitswesen insbesondere Kaiser Joseph II. ein wichtiges Anliegen. Mit der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien – bis heute das größte Krankenhaus Österreichs – verbesserte sich auch die Situation der Ärzte. Da in immer größeren Kliniken ganze Patientengruppen mit denselben Symptomen zusammenkamen, mussten sie sich nicht weiter auf unklare, subjektive Schilderungen von Kranken stützen, sondern profitierten vom gegenseitigen Wissen und führten Routineuntersuchungen wie Abtasten, Abklopfen oder Abhorchen ein. Außerdem trugen medizinische Handbücher zur Aufklärung und eigenständigen Erkennung von Symptomen bei. Krankheiten wurden nicht länger als „Strafe Gottes“ für Sünden, Gesundheit wurde nicht mehr als „Geschenk Gottes“ angesehen. Aufgeklärte Menschen machten sich bewusst, dass sie selbst für ihren Körper verantwortlich waren. Arzneien wurden zugänglicher und in größeren Mengen hergestellt, obwohl sie nicht immer die versprochene Wirkung herbeiführen konnten – vielleicht half manchmal schon der Placebo-Effekt. In ländlichen Gegenden waren die meisten Einwohner jedoch weiterhin auf bezahlbare medizinische Versorgung durch dörfliche Hebammen, Kräuterheiler oder Wundheiler angewiesen. Konsultationen bei praktisch zugelassenen, studierten Ärzten konnten sich nur Wohlhabende leisten.

Erste Impfmethoden aus dem Orient

Anfang des 18. Jahrhunderts war das Impfen vielerorts noch als Quacksalberei und Teufelszeug angesehen, während es in anderen Ländern sogar in Dörfern praktiziert wurde. Auf einer Reise durch das Osmanische Reich erlebte die Schriftstellerin Lady Mary Montagu im Jahr 1717 die erste große Impfung in Konstantinopel. Ihrer Freundin Lady Sarah Chiswell schrieb sie: „Die Blattern, die bei uns so gefährlich und verbreitet sind, werden hier mittels der Pfropfung (Impfung), wie sie es nennen, ganz unschädlich. Gewisse alte Weiber machen sich ein Geschäft daraus, die Operation zu verrichten. Die Familien befragen sich untereinander, ob jemand unter ihnen die Blattern haben will. Sie schließen sich zu Gesellschaften zusammen, und wenn ihrer genug sind, gewöhnlich fünfzehn oder sechzehn, dann kommt die alte Frau mit einer Nussschale voll Blatternmaterie von der besten Art. Sie fragt, welche Ader man geöffnet haben will.“ Durch Einritzen in die Haut infizierten sich die Menschen und bekamen nach einer Woche Fieber, das wenige Tage anhielt. Durch dieses Verfahren entstanden zwar einige Pocken, diese heilten jedoch ab, ohne Narben zu hinterlassen und verschafften den Betroffenen Immunität. Der österreichischen Königin Maria Theresia hätte diese Maßnahme viel Leid erspart. Sie litt nach ihrer Krankheit so sehr an den Narben, dass sie alle Spiegel im Schloss abnehmen ließ.

Präventivmaßnahmen werden salonfähig

Nach ihrer Rückkehr gelang es Lady Montagu, zwei Ärzte für die Pockenimpfung zu gewinnen und hatte zunächst so weitgehenden Erfolg, dass sich gar zwei Mitglieder der königlichen Familie impfen ließen. Der Widerstand und die Feindschaft eines Großteils der Ärzteschaft folgte jedoch prompt, wie die Lady es vorausgesagt hatte – „diese Krankheit ist für sie zu einträglich, um nicht den kühnen Ritter, der es wagen sollte, ihr den Garaus zu machen, ihrer ganzen Rache auszuliefern.“ Dazu kam die Verdammung durch die hohe Geistlichkeit, die gegen den „heidnischen Brauch“, der in die Pläne der göttlichen Vorsehung eingriffe, predigte. So verlief der fortschrittliche Plan in England im Sande. Erst im Jahr 1796 entwickelte der englische Landarzt Edward Jenner eine zuverlässige Impfmethode gegen die gefährlichen Pocken bzw. Blattern. Er fand heraus, dass Landarbeiter, die sich bereits mit den harmlosen Kuhpocken infiziert hatten, oft von den gefährlichen, meist tödlich verlaufenden Menschenpocken verschont blieben. Im Jahr 1796 infizierte Jenner Patienten gezielt mit Kuhpocken und begründete damit die Methode der „aktiven Immunisierung“, bei welcher der Körper zur eigenständigen Bildung spezifischer Abwehrstoffe befähigt wird.

Die Freimaurer: Eine „Gesellschaft mystischer Philosophen“?

Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit.

Die Freimaurerei versteht sich als ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führe. Die fünf Grundideale der Gruppe – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – sollen durch die praktische Einübung im Alltag gelebt werden. Krünitz sprach damals von einer „Gesellschaft mystischer Philosophen“, die propagierten, „daß nur die Moral wahre Wissenschaft, und wahre Tugend nur die gesellige sey.“

Freimaurer-Ritual
Initiation eines „Suchenden“, Kupferstich, Frankreich, 1745

Wie in Handwerkerzünften durchliefen Mitglieder des Männerbundes die Grade Lehrling, Geselle und Meister. Versammlungen der „Brüder“ bestanden aus einer gemeinsamen Mahlzeit, einem Vortrag mit anschließender Diskussion und einer Kollekte: Netzwerken und Coaching in der Frühen Neuzeit! Menschen aller sozialer Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen wurden aufgenommen, um am Aufschwung der Gelehrsamkeit und Wissenschaften im Sinne der Aufklärung teilzuhaben. Im Gegensatz zu anderen Geheimgesellschaften warben die – eigentlich gar nicht so geheimen – Logen nicht um Mitglieder; was wirklich zählte, war Eigenmotivation. Über die Aufnahme entschied die „Kugelung“, eine geheime Abstimmung mit weißen und schwarzen Kugeln. 

Prominente aus Politik und Kultur in deutschen Logen

Im Jahr 1723 wurde die Konstitution der ersten Großloge in England veröffentlicht. 27000 Mitglieder in 450 Logen verzeichnete die Gesellschaft im Zeitraum von 1737 bis 1789 in ganz Europa, bis hin in französische und spanische Kolonien. In Deutschland entstanden insgesamt acht anerkannte Freimaurer-Großlogen. Prominente aus Kunst und Literatur wie Mozart, Goethe, von Dalberg, Lessing und die französischen Enzyklopädisten waren den Freimaurern angetan. Zu den prominentesten „Brüdern“ zählten große Staatsmänner wie Gustav III., die Brüder Ludwigs XVI. oder Kaiser Franz I. Friedrich der Große trat schon als Kronprinz von Preußen bei, durchlief wie alle anderen die Ausbildungsstufen – und übernahm 1738 die Großmeisterwürde der Berliner Loge „Zu den drei Weltkugeln“. Friedrich war bereits König von Preußen, als sein Schwager, Markgraf Friedrich von Brandenburg-Bayreuth, 1741 in seiner Residenz die Schlossloge „Zur Sonne“ gründete, die 1744 in „Große Mutterloge“ umbenannt wurde. Im Rahmen der Kaiserkrönung Karls VII. entstand in Frankfurt die städtische Loge „Zur Einigkeit“.

Das Freimaurertum gab sich betont humanistisch und aufklärerisch, war aber für Außenstehende undurchschaubar. Ausgewählte, der Verschwiegenheit verpflichtete Mitglieder bewahrten esoterische Geheimnisse und pflegten das Arkanprinzip: Kultbräuche und Rituale fanden hinter verschlossenen Türen statt. Die meisten Logen unterlagen außerdem der „Strikten Observanz“, einem hierarchischem System, das angeblich vom untergegangenen Templerorden abstammte.

Abenteurerei und Mozarts Zauberflötenverrat

Wolfgang Amadeus Mozart, Barbara Krafft 1819
Wolfgang Amadeus Mozart, von Barbara Krafft 1819

Da den Freimaurern Spekulantentum, Abenteurerei, Geisterbeschwörungen und Alchemie nachgesagt wurden, waren sie der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Sowohl der von Papst Clemens XII. 1738 verordnete Bannfluch als auch die 1751 von Papst Benedikt XIV. erlassene Anti-Freimaurer-Bulle wurden lange ignoriert, sodass schließlich die Inquisition eingriff. Freimaurer-Aktivitäten wurden verboten, Katholiken wurde unter Androhung der Exkommunikation der Kontakt zu den Logen untersagt. Da Friedrich der Große selbst einer Loge vorstand, wurden die Freimaurer in Deutschland jedoch toleriert.

Auch in Österreich herrschte reges Interesse an der Vereinigung. Mozart war überzeugtes Mitglied und schrieb mit der „Zauberflöte“ eine Ode an die Freimaurerei. Nach seinem mysteriösen Tod im Jahr 1791 hielt sich lange Zeit das Gerücht, „Brüder“ hätten Mozart in Wien umgebracht, weil er angeblich Geheimnisse preisgegeben hatte: Eine Akkordfolge in der Oper gab die charakteristischen Hammerschläge der Wiener Loge „Zur Wohltätigkeit“ wieder. Für wahrscheinlicher halten Forscher heute jedoch, dass der erst 35-Jährige an einer damals in Wien grassierenden Angina starb.

Der Bund ist kein Phänomen der Frühen Neuzeit. Die „Brüder“ sind noch heute in Logen organisiert. Die Freimaurerei trägt viele Namen, darunter freemasonry im englischen Sprachbereich, francmasonería in Spanien und Südamerika oder franc-maçonnerie in Frankreich. Es werden weltweit ca. fünf Millionen Mitglieder gezählt. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland zählen hierzulande etwa 470 Freimaurerlogen mit insgesamt 14000 Mitgliedern. Sie richten sich nach eigenen Angaben an „freie Männer von gutem Ruf“, „die nicht bleiben wollen, wie sie sind, sondern ein Interesse an Persönlichkeitsentwicklung haben“. Beim Training schöpfen sie aus einem „reichhaltigen historischen Brauchtum.“

Was verband Voltaire und Friedrich den Großen?

Potsdam zwischen Kunst und Krieg

Ein eigenartiges Gespann oder „eine wunderbare Freundschaft“? Über 800 Briefe aus 42 Jahren dokumentieren die  intensive Korrespondenz zwischen Frankreichs berühmtem Philosophen Voltaire und Preußens bedeutendem König Friedrich II. – und sie begegneten sich auch oft persönlich.

Gemälde Tafelrunde Friedrich der Grosse von Adolph Menzel
Tafelrunde Friedrichs d. Gr. von Adolph Menzel 1850

Im Jahr 1740 nahm Voltaire eine Einladung des Kronprinzen an und stattete ihm einen zweiwöchigen Besuch auf Schloss Rheinsberg ab. Kurz danach verstarb Friedrichs Vater, der auf alles Militärische fixierte „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., und aus dem Kronprinz wurde der König Preußens. Zehn Jahre später lud der Regent Voltaire nach Potsdam ein und ernannte ihn zum Kammerherrn des 1747 vollendeten Schlosses Sanssouci.

Der 58-jährige Philosoph blieb zwei Jahre. Er wollte den 17 Jahre jüngeren Freund für seine Ideen von Freiheit und Toleranz gewinnen, lehrte ihn in der königlichen Bibliothek Rhetorik, Dichtkunst und Philosophie. Friedrich II. umgab sich in Potsdam mit mehreren französischen Gelehrten und war einer der meistpublizierten Autoren seiner Zeit. In seinem Werk „Antimachiavell“ erklärte er seine humanistischen Ideen einer breiteren Öffentlichkeit. 

Die aufklärerischen Maßnahmen führten zu Vorteilen für seine Untertanen, die ihn fast liebevoll „Alter Fritz“ nannten: Abschaffung der Folter, Aufhebung der Zensur, Senkung von Getreidepreisen und Reformation der Justiz. Zum Alltag seiner Politik gehörten jedoch vor allem zahlreiche Kriege und politische Intrigen.

Schöngeistiger Kriegsherr und Philosophenkönig

Voltaire propagierte einen „aufgeklärten Absolutismus“ und sah in Friedrich einen „guten König“. In Kriegszeiten griff er die preußischen Territorialbestrebungen jedoch scharf an. Im Februar 1747, inmitten der Schlesischen Kriege, bezeichnete der Dichter den König ironisch als „Philosophenfürst, der sich seine Zeit einteilt, um Schlachten zu liefern und Opern zu geben, der sich auf den Krieg, den Frieden und auf Dichtung und Musik versteht, der Missbräuche in der Justiz beseitigt und zu alledem der herausragendste Schöngeist Europas ist.“

Entsetzt schrieb er auch: „Werden Sie denn niemals aufhören, Sie und Ihre Amtsbrüder, die Könige, diese Erde zu verwüsten, die Sie, sagen Sie, so gerne glücklich machen wollen.“ Der König befand sich zur selben Zeit auf dem Schlachtfeld. Er galt als „roi charmant“, da er nicht vom Schreibtisch aus Schlachten dirigierte, sondern Kriegshandlungen vor Ort beeinflusste.

Voltaire und Friedrich der Grosse
Georg Schöbel, um 1900: Friedrich d. Gr. und Voltaire

Zierde der Literatur und Ehre des Menschengeistes

Der ehrgeizige Dichter strebte nach mehr Einfluss, spann Intrigen, um dem Präsidenten der neu gegründeten Akademie der Wissenschaften seinen Posten streitig zu machen. Friedrich II. sprach wütend von einer „Unverfrorenheit“, ließ sogar ein Buch Voltaires öffentlich verbrennen. Vorbei die Zeit, als er den Dichter als „die Zierde der Literatur und die Ehre des Menschengeistes“ pries. Voltaire reiste im März 1753 überstürzt ab, unter dem Vorwand, er wolle zur Kur fahren. In Frankfurt am Main ließ der König ihn gar verhaften, weil er einen Gedichtband zurückverlangte, den er seinem ehemaligen Vorbild selbst geschenkt hatte.

Bereits ein Jahr nach dem Eklat begannen die beiden aber wieder eine ausführliche, schmeichelhafte Korrespondenz – offensichtlich schätzten sie sich gegenseitig, brauchten aber die Distanz. Mal ging es um Alltägliches, dann um grundlegende Ideen über gerechte Kriege, über Toleranz und Vernunft. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) nannte Voltaire seinen einstigen Freund zornig „Marquis de Brandenbourg“, nach dem Frieden von Hubertusburg am 15. Februar 1763 glätteten sich die Wogen wieder. Voltaire schrieb „Sie vergaßen, dass ich ein Mensch war.“ und Friedrich antwortete „Hätten Sie mir das (…) vor zehn Jahren gesagt, so wären Sie noch hier.“

An Voltaires zweitem Todestag 1780 ließ der „Alte Fritz“ ein feierliches Totenamt für sein großes Vorbild halten. Mit 700 Einzelschriften hinterließ Voltaire seiner Nachwelt eines der umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte. Dass er noch bis zu seinem Tod am 17. August 1786 arbeitete, zeigt sein Sterbeort: Er schlief im Schloss Sanssouci auf seinem Sessel ein.